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Besonders witzig von jemand der in Twitter vor Fakten geflüchtet ist

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Do, 09/19/2019 - 19:14

Das Argument kommt schon seit Jahren, vor allem aus der rechten Ecke. Als sich Herbert Grönemeyer 2015 gegen die „verbale Brandstiftung“ in der Flüchtlingskrise ausgesprochen hatte, giftete „Bild“ auf der Titelseite über den „arroganten Auftritt“ des Sängers:

Er gab sich die Rolle als Allwissender in puncto Flüchtlingskrise – aus der bequemen Perspektive des in London lebenden Millionärs.

Als sich Grönemeyer im Sommer dieses Jahres unter dem Motto „Kein Millimeter nach Rechts“ für eine „solidarische, bunte Gesellschaft ohne Hass und Hetze“ aussprach, twitterte AfD-Politiker Björn Höcke:

So geht das seit Jahren immer wieder: Was mischt der sich eigentlich ein, der wohnt ja nicht mal in Deutschland, der zahlt hier nicht mal Steuern!

Blöd nur: Grönemeyer lebt seit über zehn Jahren wieder in Deutschland. Auch Steuern zahlt er in Deutschland, und zwar schon sein Leben lang, wie er immer wieder in Interviews erklärt:

Ich zahle auch mein Leben lang Steuern in Deutschland, selbst zu der Zeit als ich in England gewohnt habe, dort habe ich bis 2009 gewohnt.

Mein erster Wohnsitz ist Berlin. Inzwischen sind meine Kinder auch wieder in Deutschland. Und, Achtung, ich zahle meine Steuern in Deutschland. Schon immer.

Wer also sagt, Grönemeyer habe die Klappe zu halten, weil er ja in Deutschland weder lebt noch Steuern zahlt, ist entweder ein Lügner oder zu blöd zum Googeln. Und damit zum Chefredakteur der „Welt“-Gruppe.

Nachdem sich Grönemeyer vor ein paar Tagen bei einem Konzert in einer vielbeachteten Rede erneut gegen Rassismus geäußert hatte, twitterte Ulf Poschardt:

Viele Twitternutzer machten ihn schnell darauf aufmerksam, dass das nicht stimmt. Auch Grönemeyers Anwalt schaltete sich ein.

Nun hätte Poschardt natürlich einfach den Fehler einsehen, um Entschuldigung bitten und die Sache richtigstellen können. Aber: nee.

Und obwohl die lieben Follower*innen mit deutlicher Mehrheit für das Genießen des Rechtsstreits stimmten, zeichnete sich schon wenig später ab, dass Poschardt die lässig-bissige Kampfmasche doch nicht durchziehen würde.

Was wohl so viel heißt wie: Ich hab mich jetzt doch mal schlau gemacht und, uiuiui, das würde vor Gericht ganz schön in die Hose gehen, darum lege ich jetzt möglichst breit grinsend den Rückwärtsgang ein.

Auch hinter den Kulissen lenkte Poschardt ein und gab eine Unterlassungserklärung ab. Am Abend dann seine vorerst letzte Mitteilung in der Sache:


Die tatsächlichen Gründe für den Umzug erklärte Herbert Grönemeyer vor ein paar Jahren übrigens so:

Es gab mehrere Gründe. Wir zogen hin, als meine Frau schon sehr krank war und Angst hatte, dass die deutsche Presse das rauskriegt. Zudem wollten wir, dass unsere Kinder groß werden können ohne die Last des Namens. Für mich selbst war es auch gut. Man vergisst zuweilen, wer man ist. Im Ausland muss man sich ohne jedwede Vorteile behaupten. Das ist für den Charakter ganz gut.

Wenn er also vor etwas geflüchtet ist, dann nicht vor deutschen Steuern, sondern vor deutschen Journalisten. Wer kann es ihm verdenken?

Mit Dank an die Hinweisgeber!

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Bild.de sollte A$AP korrigieren

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Do, 09/19/2019 - 10:14

Immerhin haben sie nicht geschrieben, dass US-Präsidentin Dolly Parton Karotten-Experte Bugs Bunny zum neuen Sicherheitsberater gemacht hat, aber ansonsten ist an diesem Artikel von Bild.de so gut wie alles falsch:

Vielleicht erstmal zu den involvierten Personen: US-Präsident Donald Trump dürfte bekannt sein. A$AP Rocky ist ein ziemlich erfolgreicher Rapper aus den USA, der im Juli und August mehrere Wochen in Schweden in Untersuchungshaft saß und wegen Körperverletzung dort vor Gericht stand. Und Robert O’Brien ist Jurist, war bisher Trumps Sondergesandter für Entführungsfälle und ist nun eben Nachfolger des gerade erst entlassenen Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton.

Bild.de schreibt:

Robert O’Brien wurde Anfang August zum Helden US-amerikanischer Rap-Fans — nun wird er der Nationale Sicherheitsberater der USA!

Der US-Rapper A$AP Rocky (30) saß in Schwedens Hauptstadt Stockholm wegen einer Schlägerei in Untersuchungshaft. Dann schickte US-Präsident Donald Trump (73) seinen Sondergesandten für Geiselangelegenheiten nach Schweden: Robert O’Brien, der als Sonderbotschafter Diplomaten-Status genießt. (…)

Was Trump jedoch erreichte: Er machte aus einer Gerichtsverhandlung eine diplomatische Angelegenheit — und der Rapper wurde tatsächlich freigesprochen!

A$AP Rocky wurde allerdings gar nicht freigesprochen. Das Gericht in Stockholm hat ihn zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er wurde auch nicht von O’Brien „befreit“, wie Bild.de in der Dachzeile behauptet. Es war eine Entscheidung des zuständigen Gerichts, den Rapper Anfang August, nach den Schlussplädoyers von Anklage und Verteidigung, bis zur Urteilsverkündung aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Und somit „erreichte“ auch Donald Trump nichts in diesem Fall, im Gegenteil: Seine wiederholten Interventionsversuche bei Schwedens Regierungschef Stefan Löfven führten nur zu der peinlichen Situation, dass Löfven dem US-Präsidenten mehrfach die Unabhängigkeit der schwedischen Justiz erklären musste.

Die völlig falsche Zusammenfassung, dass Trump gemeinsam mit O’Brien dafür gesorgt habe, dass A$AP Rocky „freigesprochen“ und „befreit“ wurde, hätte sich die PR-Abteilung des Weißen Hauses nicht besser ausdenken können.

Mit Dank an @GregorxxxSamsa und @cobvl für die Hinweise!

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Verdrehte Reuters-Studie, Topf Secret, Rundfunkrat Markwort

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Do, 09/19/2019 - 08:54

1. Linke Programme für ein linkes Publikum? Was die Reuters-Studie wirklich zeigt
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Hat eine große Studie eines renommierten Instituts tatsächlich herausgefunden, dass ARD und ZDF fast nur noch für ein linkes Publikum senden? Dies wird jedenfalls von rechtskonservativen bis rechtsextremen Kreisen behauptet und als Beleg die aktuelle Reuters-Studie angeführt. Medienjournalist Stefan Niggemeier ist der Sache nachgegangen.

2. Altherrenverein war gestern
(magazin.zenith.me, Moritz Behrendt)
Jahrzehntelang bestimmten altgediente Haudegen und Platzhirsche wie Peter Scholl-Latour und Gerhard Konzelmann, wie wir den Nahen Osten sahen und über ihn dachten. Doch die beiden Starreporter und Bestsellerautoren waren mindestens in der Fachwelt umstritten. Konzelmann galt zudem als „Allahs Plagiator“. Wie ist es derzeit um den Journalismus aus Nahost bestellt? Moritz Behrendt, Mitgründer und Mitherausgeber von „zenith – Zeitschrift für den Orient“, erzählt vom derzeitigen Stand der Nahost-Berichterstattung.

3. Der Gegner im eigenen Bett?
(deutschlandfunk.de, Michael Watzke, Audio: 4:44 Minuten)
Helmut Markwort sitzt im Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks. Das ist insofern pikant, als Markwort zugleich Miteigentümer mehrerer Konkurrenzsender ist und sich das Vorliegen eines handfesten Interessenkonflikts aufdrängt. Ein Interessenkonflikt, von dem Markwort natürlich nichts wissen will und dabei das bayerische Justizministerium auf seiner Seite weiß. Nun kann wohl nur eine Gesetzesänderung helfen. Die kann jedoch lediglich Zukünftiges regeln. Markwort wird also seinen Platz im Rundfunkrat trotz seines wirtschaftlichen Engagements bei der Konkurrenz behalten.

4. Berliner Bezirke sabotieren „Topf Secret“: Interne Dokumente offenbaren Streit zwischen Bezirken und Landesregierung
(fragdenstaat.de, Arne Semsrott)
Das Projekt „Topf Secret“ setzt sich dafür ein, dass die Berliner Bezirke die Hygiene-Kontrollergebnisse zu Lebensmittelbetrieben der Stadt herausgeben müssen. Über eine Online-Plattform beziehungsweise App können Verbraucherinnen und Verbraucher dazu einen Antrag stellen. Eine Möglichkeit, von der insgesamt mehr als 30.000 mal Gebrauch gemacht wurde (in Berlin rund 3.000 mal), allein es nützt nichts: „Die Berliner Bezirksämter sabotieren die Online-Plattform „Topf Secret“ und widersetzen sich damit wiederholten Empfehlungen der Landesregierung.“ Nun sind interne Dokumente aufgetaucht, die einen Streit zwischen Bezirken und Landesregierung nahelegen.

5. Geheimdienst muss transparenter werden
(tagesspiegel.de, Fatina Keilani)
Das Bundesverwaltungsgericht hat entscheiden, dass der Bundesnachrichtendienst Auskunft über seine Hintergrundgespräche mit Journalistinnen und Journalisten erteilen muss. Dem Urteil vorausgegangen ist die Klage eines „Tagesspiegel“-Redakteurs. Das Gericht stellt unter anderem fest: „Dadurch, dass dem Kläger mitgeteilt wird, welche Medienvertreter jeweils eingeladen waren und an welchen Gesprächen der Präsident des BND teilgenommen hat, werden keine für eine Gefährdung der Aufgabenerfüllung des BND relevanten zusätzlichen Informationen verbreitet.“

6. Fußball-Fake: Wenn das Studio zum Stadion wird
(fair-radio.net, Mario Köhne)
Beim Radiosender Life Radio Tirol kommt tolle Fußballstimmung auf, als die Moderatorin scheinbar live ins Fußballstadion in Graz zu ihrem Reporterkollegen schaltet. Doch der steht nicht im Stadion zwischen Tausenden von Fans, sondern ihr gegenüber im Studio. Herausgekommen ist der Fake, weil der Sender die Studiocam mitlaufen ließ, und die Bilder auf Youtube landeten.

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Social-Media-Fotoverbot, Rundfunk-Gedächtnis, Lautes Grönemeyer-Echo

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mi, 09/18/2019 - 08:54

1. Urteil: Polizei darf keine Fotos von Versammlungen in sozialen Netzwerken veröffentlichen
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Das Oberverwaltungsgericht Münster hat entschieden, dass die Polizei aus Essen keine Fotos von Demonstrierenden beziehungsweise Versammlungsteilnehmenden auf Twitter oder Facebook veröffentlichen darf. Ein Urteil, das bundesweite Bedeutung haben könnte.

2. Der mühsame Weg, das Rundfunk-Gedächtnis zugänglich zu machen
(uebermedien.de, Daniel Bouhs)
Bei den Öffentlich-Rechtlichen verschwinden viele Beiträge nach der Ausstrahlung und einem Zwischenaufenthalt in einer Mediathek im Nirwana beziehungsweise im sendereigenen Archiv. Immer wieder wird gefordert, die Inhalte dauerhaft öffentlich zugänglich zu machen, doch Urheberrecht und Rundfunkstaatsvertrag verkomplizieren die Lage. In einer Art Pilotprojekt will der SWR als erster öffentlich-rechtlicher Sender systematisch historisches Material ins Netz stellen. Daniel Bouhs berichtet vom ehrgeizigen Vorhaben des Südwestrundfunks. Und er hat sich für „Übermedien“ bei den anderen Anstalten erkundigt, wie diese mit ihren Inhalten verfahren und ob ähnliche Pläne vorliegen.

3. Kaufen sich zwei Ostberliner eine Zeitung
(zeit.de, Zacharias Zacharakis)
Bereits seit einiger Zeit versucht die Unternehmensgruppe DuMont, manche ihrer Verlage und Medien abzustoßen. Nun wechselt der Berliner Verlag samt „Berliner Zeitung“, „Berliner Kurier“ und „Berliner Abendblatt“ den Eigentümer. Käufer ist das in der Branche bislang unbekannte Ehepaar Silke und Holger Friedrich.
Weiterer Lesehinweis: In eigener Sache: Der Berliner Verlag kommt wieder in Berliner Hand (berliner-zeitung.de).

4. Bis wie viel Dezibel ist Antifaschismus erlaubt?
(spiegel.de, Margarete Stokowski)
Margarete Stokowski beschäftigt sich mit dem Echo auf Herbert Grömemeyers Äußerungen bei einem Konzert in Wien: „Es ist eigentlich nicht so kompliziert. Herbert Grönemeyer hat sich auf einem Konzert gegen Rassismus geäußert, nicht zum ersten Mal und nicht besonders ausführlich. Das sollte im Grunde überhaupt nicht kontrovers sein. Die Debatte darüber entsteht, weil wir in einer Zeit leben, in der Menschen sich von so einer schlichten Aussage angegriffen fühlen. In einer Zeit, in der offen Rechtsextreme immer wieder versuchen, ihre GegnerInnen als die eigentlichen FeindInnen der Demokratie zu beschimpfen. In einer Zeit, in der Leute sich bisweilen sehr genau überlegen, ob und wie sie sich gegen Nazis engagieren, weil sie die Konsequenzen fürchten, und das nicht ohne Grund.“

5. Ein Interview mit Edward Snowden
(stefan-fries.com)
Die Gelegenheit zu einem Interview mit Edward Snowden bekommt man nicht alle Tage. Stefan Fries und sein Kollege Stefan Koldehoff durften für den Deutschlandfunk mit dem berühmten Whistleblower sprechen. In seinem Blog erzählt Fries von den Begleitumständen und der Entstehungsgeschichte des Gesprächs. Inklusive interessanter weiterführender Links.

6. „In der Dimension einmalig“
(deutschlandfunk.de, Bettina Köster, Audio: 6:18 Minuten)
Der Deutschlandfunk hat mit Juan Moreno gesprochen, der die Fälschungen des ehemaligen „Spiegel“-Vorzeigereporters Claas Relotius aufdeckte. Im Gespräch geht es auch um das psychologische Moment, das sich Relotius bei seiner Arbeitsweise zunutze machte.

„Tausend Zeilen Lüge“, SUV-Panzer, „Kraft durch Freude“ beim Boxen

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Di, 09/17/2019 - 08:54

1. „Claas Relotius war nie Reporter“
(spiegel.de, Juan Moreno)
Der Journalist Juan Moreno hat ein Buch über das geschrieben, was der „Spiegel“ den „Fall Claas Relotius“ nennt, was aber auch der „Fall Spiegel“ heißen könnte. Immerhin veröffentlicht der „Spiegel“ nun einen Auszug des Buchs, nachdem er dem Autor — nach dessen Aussage — wenig bis keine Unterstützung bei der Buchrecherche hat zukommen lassen. Vom Geschehen davor ganz zu schweigen.

2. Angst vor kritischen Fragen
(sueddeutsche.de, Laura Hertreiter)
Ist das ZDF mit dem abgebrochenen Höcke-Interview richtig umgegangen? Ja, findet Laura Hertreiter in der „Süddeutschen“: „Im Fall der AfD aber — einer Partei, die die Arbeit mit Medien neu verhandeln will — war es richtig vom ZDF, den Fall öffentlich zu machen. Am Ende des Videos reagiert Höcke mit Flucht und Drohgebaren, beides oft Begleiterscheinungen von Angst. Für Angst gibt es meist gute Gründe. Eine freie Presse zählt nicht dazu.“

3. Ok Leute schauen wir uns das Höcke-Interview noch einmal genauer an.
(twitter.com, Natascha Strobl)
Natascha Strobl ist eine Meisterin im Analysieren von politischen Reden. Aktuell hat sie sich mit dem Höcke-Interview auseinandergesetzt. Es ist ein etwas längerer Twitter-Thread geworden, denn „Interviews analysieren ist immer etwas anstrengender und inkohärenter als Reden etc zu sezieren“.

4. Medienwandel: Wie eine Achtjährige sich Informationen sucht
(eggers-elektronik.de, Jan Eggers)
Der Journalist Jan Eggers hat seiner achtjährigen Tochter bei der Informationsbeschaffung im Internet über die Schulter geschaut und seine Erkenntnisse notiert. Gute Tipps für Eltern, die ihre Kinder auf den ersten Streifzügen ins Internet begleiten wollen.

5. Bei @Bild sind sie ganz empört, dass #SUV „jetzt“ sogar „Panzer“ genannt werden.
(twitter.com, Stefan Niggemeier)
Im „Bild“-Kommentar empört sich Frank Schmiechen, Mitglied der Chefredaktion, dass SUVs von manchen als „Panzer“ bezeichnet werden. Stefan Niggemeier fragt auf Twitter „Wer macht denn auch sowas?“ und liefert die Antwort gleich mit.

6. Neonazi steigt mit „Kraft durch Freude“-Shirt in den Ring – und will keine Ahnung von der Bedeutung haben
(fr.de, Katja Thorwarth)
Am Wochenende übertrug die ProSiebenSat1-Plattform „ranfighting“ einen Boxkampf, bei dem es einen denkwürdigen Auftritt des Eigentümers und Managers vom „Germanen Boxstall Kiel“ gab. Der war nämlich mehrfach mit seinem T-Shirt zu sehen, auf dem in Frakturschrift der Nazi-Slogan „Kraft durch Freude“ prangte. Der „German Boxstall Kiel“ gibt sich unschuldig und sieht sich zu Unrecht kritisiert („Nazikeule“). Katja Thorwarth ist dem Fall nachgegangen und hat ihre berechtigten Zweifel an dieser Verteidigungsstrategie.

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Was kümmert sie ihr Geschwätz vom Absatz zuvor?

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mo, 09/16/2019 - 12:09

Popstar Sam Smith schrieb am vergangenen Freitag bei Twitter:

Mit dieser Aussage landete Smith auch bei Bild.de:

Sam Smith (27) möchte ab sofort nicht mehr mit männlichen Pronomen angesprochen werden, stattdessen wünscht sich Smith ab jetzt eine genderneutrale Ansprache.

Bereits Anfang des Jahres erklärte Sam Smith, non-binär zu sein, sich also weder dem männlichem, noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig zu fühlen. Damals sagte Smith jedoch, er wolle weiter mit „er“, also dem männlichen Pronomen angesprochen werden. Dies hat sich nun geändert.

Dass Sam Smith aus Sam Smiths Sicht „WEDER MANN, NOCH FRAU“ ist, wie Bild.de in der Dachzeile schreibt, kann man zumindest bezweifeln. Vor knapp zwei Jahren sagte Smith in einem Interview mit der „Sunday Times“: „I feel just as much woman as I am man“. Aber eigentlich soll es hier sowieso um etwas anderes gehen, nämlich um dieses lobenswerte Versprechen, das die Bild.de-Redaktion im Artikel gibt:

BILD möchte Sam Smiths Wunsch natürlich folgen, daher wird in diesem Artikel nur der Name genutzt.

Was dieses Versprechen wert ist, sieht man allerdings, wenn man den direkt darauffolgenden Absatz liest:

BILD möchte Sam Smiths Wunsch natürlich folgen, daher wird in diesem Artikel nur der Name genutzt.

Smith schreibt auf Twitter, dass er weiß, dass einige Menschen Fehler machen werden, ohne ihm etwas böses zu wollen. Er wünscht sich nur, dass jeder zumindest versucht, seinen Wunsch nachzugehen.

Bei Bild.de kann Smith sich das offenbar noch lange wünschen.

Mit Dank an @HorstHoof für den Hinweis!

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Björn bricht, Snowden-Interview, Morenos Erlebnisse

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mo, 09/16/2019 - 08:54

1. Höcke bricht ZDF-Interview ab und droht
(zdf.de, David Gebhard & Dominik Rzepka)
Der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke hat ein Interview mit dem ZDF abgebrochen. In dem Gespräch ging es unter anderem um Höckes Bedeutung für die Bundes-AfD und um seine Sprache. Das ZDF hatte AfD-Abgeordneten Höcke-Äußerungen vorgelegt und sie gefragt, ob es Höcke- oder Hitler-Zitate seien. Nach zehn Minuten unterbrach Höckes Sprecher: „Das geht so nicht. Sie haben jetzt Herrn Höcke mit Fragen konfrontiert, die ihn stark emotionalisiert haben“ und schlug vor, das Interview „noch mal von vorne“ zu wiederholen. Das abgebrochene Interview mit Björn Höcke in voller Länge gibt es hier zu sehen, das Interview in Schriftform hier.
Weiterer Lesehinweis: Katja Thorwarth hat für die „Frankfurter Rundschau“ das ARD-Sommerinterview mit dem AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland besprochen: „Gauland hätte im Vorfeld eigentlich Zuschauerfragen beantworten sollen, hatte darauf aber keine Lust. „Warum muss ich sozusagen in ein schwarzes Loch gucken?“, sollte sich der AfD-Mann später rechtfertigen, den erzürnte, dass er die Fragen nicht im Vorfeld zur Einsicht bekam. Wohl, damit er sich seine Phrasen zurecht legen kann, doch es sind ja gerade die spontanen Antworten gefragt — offensichtlich eine Überforderung für Gauland. Allerdings ist „Fragt selbst!“ fester Bestandteil der Sendung, und konsequenterweise hätte das Erste den AfD-Fraktionsvorsitzenden ausladen müssen, immerhin hatten sich alle anderen Politiker bislang jenem Part gestellt.“
Außerdem lesenswert Philipp Peyman Engel von der „Jüdischen Allgemeinen“: Warum wir nicht mit der AfD sprechen: „Mit Politikern, die den Holocaust als »Vogelschiss der Geschichte« und das Holocaustmahnmal in Berlin als »Schande« bezeichnen, gibt es für uns nichts zu besprechen. Eine Partei mit einem gefährlichen Scharfmacher samt bester Neonazi-Kontakte als Landeschef disqualifiziert sich ohnehin von ganz alleine — und hat alle Fragen damit bereits selbst beantwortet.“

2. Was wäre die Gesellschaft ohne Whistleblower?
(deutschlandfunk.de, Stefan Fries & Stefan Koldehoff, Audio: 67:42 Minuten)
Der Deutschlandfunk hat ein längeres Interview mit Edward Snowden geführt. Darin geht es unter anderem um staatliche Überwachung, die Notwendigkeit von Aufklärung und Whistleblowing sowie Snowdens Lebensgeschichte: „Erst, nachdem ich immer tiefer in die Regierung gekommen bin, nachdem ich die Leiter nach und nach hinaufgestiegen bin, erst nachdem ich zur CIA und NSA gegangen bin, nachdem ich mit diesen Systemen lange gearbeitet habe, hatte ich denn die Perspektive, hatte ich die Möglichkeit zur Selbstreflexion, dass ich mich fragen konnte: Was habe ich eigentlich mit dieser Arbeit gemacht? Was macht meine Regierung? Es hat nicht den Zweck, die Menschen zu befreien, sondern zu unterdrücken. Es ging um die Kontrolle. Es ging nicht darum, die Demokratie zu schützen, sondern leider eigentlich, die Demokratie zu gefährden im Endeffekt. Wenn wir uns unsere Werte anschauen: Wir zerstören genau das, was wir gerne schützen möchten.“

3. Der Stoff, der den Journalismus verändert hat
(sueddeutsche.de, Ralf Wiegand)
Dem Journalisten und freien Autor des „Spiegel“ Juan Moreno ist es zu verdanken, dass die Fälschungen von Claas Relotius aufgedeckt wurden. Nun hat Moreno ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben. Der Fälschungsskandal ist das eine, der Umgang damit das andere: Man möchte nicht in Morenos Haut gesteckt haben, als man ihm beim „Spiegel“ durchaus brutal und arrogant zu verstehen gab, dass man ihn jederzeit feuern könne.

4. „Das ist kein Spaß mehr“: Klenk stellt Entschädigungsantrag gegen Jeannée und „Krone“
(derstandard.at)
„Falter“-Chefredakteur Florian Klenk wehrt sich nun auch gerichtlich gegen den gedruckten Hass-Post des österreichischen „Krone“-Kolumnisten Michael Jeannée. Siehe dazu auch Klenks Tweet: „Ich bringe Klage gegen Jeanne und die Krone ein. Ich beantrage eine strafrechtliche Verurteilung von Jeannee wegen übler Nachrede und den höchsten Entschädigungsbetrag, den das MedienG hergibt. Je 50.000 € von Krone Verlag und Krone Multimedia. Ja, wird bei Obsiegen gespendet.“

5. Presserat rügt Sensationsberichte über Schwertmord
(stuttgarter-nachrichten.de)
Der Deutsche Presserat hat Berichte der „Bild“-Medien über den sogenannten Stuttgarter Schwertmord als übertrieben sensationell und respektlos gerügt. Vor allem die Täterperspektive wird kritisiert: „So habe die Redaktion auf der Titelseite ein Foto des mutmaßlichen Mörders mit erhobenen blutigen Armen gezeigt und sei damit Gefahr gelaufen, sich zum Werkzeug des Verbrechers zu machen. Auch die identifizierende Darstellung des Opfers sei nicht vom Informationsinteresse der Öffentlichkeit gedeckt. Zu sehen war ein Porträtfoto des Mannes vor der Tat, daneben ein verpixeltes Bild des Sterbenden in einer Blutlache.“

6. „Angry German Kid“: Wie ein Internetvideo das Leben eines Teenagers zerstörte
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Matthias Schwarzer erzählt die tragische Geschichte eines Jugendlichen nach, der auf Youtube als „Angry German Kid“ bekannt wurde. Sie beginnt 2006, als der damals 13-Jährige ein gespieltes Brüllvideo von sich aufnimmt und auf die Plattform hochlädt, das bei „Focus TV“ landet — der Startpunkt einer für den Youtuber äußerst unheilvollen Entwicklung.

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Klima und Freiheit lassen sich von „Bild“ nicht ausspielen

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Sa, 09/14/2019 - 18:33

Gestern fragte „Bild“:

Und auch Bild.de fragte mit:

In unseren Augen ist das ein so billiger und durchsichtiger Versuch der „Bild“-Redaktion, rumpelnd Aufmerksamkeit zu bekommen und zu provozieren, dass wir die Sache hier eigentlich nicht thematisieren wollten. Aber dann gab es heute doch noch eine ganz schöne Pointe. Denn Freiheit und Klima beziehungsweise deren Vertreter Joshua Wong und Great Thunberg wollten sich offenbar nicht von den „Bild“-Mitarbeitern für deren ekligen Versuch einspannen lassen, zwei wichtige Bewegungen und zwei junge Menschen gegeneinander auszuspielen (an dieser Stelle sei noch einmal an Gertjan Verbeeks „Arschlocher“-Analyse erinnert).

Und so kommentierte Joshua Wong heute einen Tweet Greta Thunbergs:

Und Thunberg schickte prompt eine Solidaritätsbekundung zurück an Wong:

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Wong – https://twitter.com/joshuawongcf/status/1172809407270252544
Thunber – https://twitter.com/GretaThunberg/status/1172879699292434432

Die Infos liefert „Bild“, Mistgabeln müssen selbst besorgt werden

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Fr, 09/13/2019 - 14:25

Nachdem ihr Sohn bei einem Attentat vor einigen Jahren mehrere Menschen getötet hat, änderte sich auch für die Eltern des Täters das Leben komplett: Sie bekamen Morddrohungen, mussten ihren Wohnort verlassen, wurden in ein polizeiliches Schutzprogramm aufgenommen und sollen ins Ausland gezogen sein. So steht es bei Bild.de:

Nach der Tat wurde die Familie ins Opferschutzprogramm der Polizei aufgenommen — verließ später sogar Deutschland angeblich in Richtung Österreich. Grund: Massive Drohungen.

Dieser Satz stammt aus einem Artikel, den Bild.de gestern Abend veröffentlichte und der verkündet, dass die Familie nun wieder in ihrem alten Wohnort lebt:


(Verpixelung durch uns.)

Für ein paar Klicks und das eine oder andere verkaufte Abo — es handelt sich um einen „Bild plus“-Artikel — zerren die „Bild“-Medien eine Familie in die Öffentlichkeit, die „massiven Drohungen“ ausgesetzt und auf den Schutz der Polizei angewiesen war. Auf ihrer Startseite erzählte die Bild.de-Redaktion einem Millionenpublikum von dem Umzug; die in dem Ort erhältliche gedruckte „Bild“-Regionalausgabe berichtet heute ebenfalls groß darüber. Der Name der Familie wird sowohl online als auch in der Printverstion genannt. Mistgabeln und Fackeln sind hingegen nicht beigelegt und müssen vom Mob selbst besorgt werden.

Mit Dank an Christian S. für den Hinweis!

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Klatsche mit Ansage, CSU-Par­tei­funk mit Frak­ti­ons­geld?, Haltet ein!

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Fr, 09/13/2019 - 08:54

1. Verlustgeschäft für deutsche Verlage
(deutschlandfunk.de, Christoph Sterz & Sebastian Wellendorf, Audio: 5:31 Minuten)
Es war eine Klatsche mit Ansage: Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat das deutsche Gesetz zum Leistungsschutzrecht gekippt, und zwar wegen eines lange bekannten Formfehlers. In dem fünfeinhalbminütigen Beitrag werden die Hintergründe erklärt — nämlich die Idee der Verlage, etwas vom Google-Kuchen abzubekommen. Eine Idee, die beim Suchmaschinenriesen verständlicherweise auf wenig Gegenliebe stieß.
Lesetipp für eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema: EuGH erklärt deutsches Leistungsschutzrecht für unzulässig (golem.de, Friedhelm Greis).

2. Unzu­läs­siger Par­tei­funk mit Frak­ti­ons­geld?
(lto.de, Alexander Hobusch)
Die CSU hat für ihren Youtube-Clip aus der Reihe „CSYou“ einiges an Kritik und Spott kassiert. Nun äußert der Experte für Parteienfinanzierung Alexander Hobusch auf „Legal Tribune Online“ auch noch juristische Bedenken zur Rechtmäßigkeit des Formats: „Nach einer Folge steht jedenfalls der Verdacht im Raum, dass (teilweise) Partei-PR mit Fraktionsmitteln betrieben wird: Zu weit entfernt sind die Inhalte vom parlamentarischen Betrieb, zu stark ist ihr Parteibezug. Der Vorfall zeigt anschaulich das Dilemma der Abgrenzung zwischen Partei- und Fraktionsöffentlichkeitsarbeit auf: Wie viel allgemeinpolitische Diskussion und wie viel Zuspitzung kann mit Fraktionsgeldern betrieben werden?“

3. Gewinner aus Saudi-Arabien, Malta und Vietnam
(reporter-ohne-grenzen.de)
Reporter ohne Grenzen hat in Berlin die 27. internationalen Press Freedom Awards verliehen. Ausgezeichnet wurden die saudi-arabische Bloggerin und Journalistin Eman al-Nafjan, die Malteserin Caroline Muscat und die Vietnamesin Pham Doan Trang. Leider konnte Eman al-Nafjan den Preis nicht persönlich entgegennehmen: Sie wurde in Saudi-Arabien zwar aus der Haft entlassen, ist aber mit einem Ausreiseverbot belegt.

4. Datenschützer können Abschaltung von Facebook-Fanpages verlangen
(horizont.net)
Sind deutsche Facebook-Seitenbetreiber für den Datenschutz verantwortlich, auch wenn die Datenverarbeitung durch Facebook erfolgt? Ein schwieriges juristisches Thema, mit dem sich nun anhand eines konkreten Falls das Bundesverwaltungsgericht beschäftigt hat. Das Urteil bezeichnet die initiierende Datenschutzbeauftragte als „Rückenwind für den Datenschutz“.

5. Haltet ein!
(spiegel.de, Thomas Fischer)
Ex-BGH-Richter Thomas Fischer beschäftigt sich mit dem Kinderpornografie-Vorwurf gegen einen ehemaligen Fußballspieler, der medialen Behandlung des Falls und den Aspekten der Unschuldsvermutung. Und er merkt etwas an, was zumindest diskutierenswert erscheint: „Ich vertrete gewiss nicht die generelle Straflosigkeit von Kinderpornografie. Aber man muss sich einer wenig nützlichen, kontraproduktiven Hysterisierung auch hier entgegenstellen. Und man muss sich gelegentlich in Erinnerung rufen, in welch exzessivem Maß unsere Gesellschaft öffentlich sexualisiert und geradezu manisch auf jugendliche Sexualität fixiert ist: in Werbung, Mode, Showgeschäft, Freizeit, Unterhaltungsindustrie.“

6. Vorerst kein Schadenersatz für Haft
(taz.de)
Ein türkisches Gericht hat die Entschädigungsklage von Reporter Deniz Yücel für die erlittene einjährige Haft in einem Istanbuler Hochsicherheitsgefängnis ohne Angabe von Gründen abgewiesen. Yücels Anwalt will sich nun an das türkische Verfassungsgericht wenden und nimmt dafür persönliche Risiken in Kauf: Er wurde bereits wegen „öffentlicher Beleidigung der Justiz“ zu fünf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt und riskiert, ins Gefängnis geworfen zu werden.

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Baden gehen in griechischen Quellen

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Do, 09/12/2019 - 17:00

Für besondere Geschichten brauchen Redaktionen besondere Quellen. Und bei Bild.de, da haben sie diese Quellen.

Nachdem die künftige Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen ihre 27 Kommissarinnen und Kommissare präsentiert hatte (Bild.de: „Von der Leyen stellt ihre kuriose EU-Truppe vor“), schrieb das „Bild“-Team:

Verständlich, dass die Autoren ihren Vorsprung noch einmal erwähnen wollen. Und es ist ja auch wirklich eine bemerkenswerte Quelle, die einem erzählt, dass der frühere Ministerpräsident Lettlands nun Grieche ist.

Inzwischen scheinen sie jedoch auch bei Bild.de nicht mehr überzeugt zu sein von Dombrovskis‘ überraschendem Nationalitätenwechsel. Nun steht in dem Artikel:

Zweite Überraschung: Neben Timmermans und der dänischen Liberale Margrethe Vestager wird der Lette Valdis Dombrovskis (48, Bereiche Wirtschaft und Soziales) eine herausragende Rolle spielen. Als ditter (sic) geschäftsführender Vizepräsident soll der Christdemokrat künftig „die Arbeiten für die Wirtschaft im Dienste der Menschen koordinieren“.

Die weiteren fünf Vize-Präsidenten, die ressortübergreifend koordinierende Aufgaben wahrnehmen: Der Spanier Josep Borrell (Außenbeauftragter), die Tschechin Vera Jourova (Werte und Transparenz), der Slowake Maros Sefcovic (interinstitutionelle Beziehungen), die Kroatin Dubravka Suica (Demokratie und Demografie) und der Grieche Margaritis Schinas („Schützen, was Europa ausmacht“). Über dessen Berufung hatte BILD vorab berichtet.

Einen Korrekturhinweis sucht man in dem langen Text vergeblich.

Mit Dank an Jan Niklas S. für den Hinweis!

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Will eine „Grünen-Frau“ Luftballons verbieten?

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Do, 09/12/2019 - 12:03

Wenn die Bild.de-Redaktion auf ihrer Startseite sowas hier schreibt …

… dann könnte man ja fast glauben, dass eine „Grünen-Frau“ (gemeint ist offenbar eine Politikerin der Grünen) Luftballons verbieten will. So viel schon mal jetzt: Das ist eine kräftig verzerrte Darstellung.

In der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ wird die Landesvorsitzende der Grünen in Niedersachsen Anne Kura (das ist bei Bild.de die „Grünen-Frau“) heute so zitiert:

Soll das Steigenlassen von Luftballons verboten werden? Die Grünen in Niedersachsen halten einen entsprechenden Beschluss der nordrhein-westfälischen Stadt Gütersloh für nachahmenswert. „Steigen gelassene Luftballons landen in den allermeisten Fällen in der Natur. Vögel und andere Tiere fressen die weichen Ballonreste und verhungern dann mit vollem Magen. Auch Ballons aus Naturlatex sind deswegen keine wirkliche Alternative“, sagte Grünen-Landeschefin Anne Kura unserer Redaktion. Es sei deshalb „begrüßenswert, dass die Stadt Gütersloh mit gutem Beispiel vorangeht und auf das Steigenlassen von Luftballons verzichtet“, ergänzte sie.

Im Artikeleinstieg bei Bild.de klingt das alles dann schon etwas anders:

Luftballons zur Hochzeit steigen lassen, Deko für Kindergeburtstage oder lustige Tierfiguren — das alles könnte schon bald Geschichte sein.

Zumindest wenn es nach den Willen der Grünen aus Niedersachsen geht. Sie sprechen sich für ein Luftballonverbot aus.

Die Bild.de-Redaktion schafft es, drei Beispiele zu nennen — und mit allen drei danebenzuliegen: Die Grünen aus Niedersachsen fordern kein Verbot für „Luftballons zur Hochzeit“, sie fordern kein Verbot für „Deko bei Kindergeburtstagen“ und sie fordern auch kein Verbot von „lustigen Tierfiguren“.

Auf Nachfrage sagt uns ein Sprecher der Partei, dass es Anne Kura ausschließlich um gasgefüllte Luftballons geht, die man in die Natur steigen lässt. In Fußgängerzonen könnten gern weiterhin Dackel oder Affen oder andere Tiere aus Luftballons geknotet werden, ganze Hallen sollen weiter mit Luftballons ausgeschmückt werden — alles kein Problem für die Grünen. Und es gibt noch eine Einschränkung zum vermeintlichen allgemeinen Luftballonverbot: Kura bezieht sich auf eine Entscheidung aus Gütersloh. Diese betraf allerdings nicht private Feste wie Hochzeitsfeiern oder Kindergeburtstage, sondern nur städtische Veranstaltungen (was dann natürlich auch für städtische Kindergärten und Schulen gelten würde). Bei privaten Feiern könnte man weiterhin Luftballons aufhängen, sie zum Platzen bringen oder auch gasgefüllte Ballons steigen lassen.

Statt eines generellen Luftballonverbots fordern die Grünen aus Niedersachsen also ein Verbot fürs Steigenlassen von gasgefüllten Luftballons bei städtischen Veranstaltungen. Für so viel Differenzierung war nicht nur bei Bild.de kein Platz — in den Überschriften vieler anderer Medien klingt es ganz ähnlich verzerrt.

Nachtrag, 14:17 Uhr: Bei der Entscheidung in Gütersloh geht es neben städtischen Veranstaltungen auch um private Feiern auf städtischem Gelände.

Mit Dank an @LeKWiNK für den Hinweis!

Nachtrag, 14:25 Uhr: Bei Bild.de ist inzwischen ein Artikel mit dieser Überschrift erschienen:

Mit Dank an @cbstralsund für den Hinweis!

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Waldorf-Salat des SWR, Rettet den „Weltspiegel“, Grenzüberschreitung

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Do, 09/12/2019 - 08:54

1. „Weltspiegel“-Streit: Brief an die Intendanten im Wortlaut
(dwdl.de, Alexander Krei & Thomas Lückerath)
In der ARD wird diskutiert, den „Weltspiegel“ auf einen anderen (ungünstigeren) Sendeplatz zu verlegen. „DWDL“ veröffentlicht zwei Schreiben, in denen sich die ARD-„Weltspiegel“-Redaktion und Korrespondentinnen sowie Korrespondenten „gegen die Marginalisierung“ der Sendung aussprechen.

2. SWR-Doku: Eine Autorin und ihre Nähe zu Waldorfschulen
(ndr.de, Sebastian Asmus, Video: 5:55 Minuten)
Zum hundertjährigen Bestehen der Waldorfschulen hat der SWR zur besten Sendezeit eine weitgehend unkritische und als beschönigend empfundene Doku der Autorin Esther Saoub ausgestrahlt, die, so die Kritik, einer Werbesendung gleichkam. Auch in den „Tagesthemen“ erschien ein Beitrag von ihr zum Thema, der als „Werbeunterbrechung“ kritisiert wurde. Die Unausgewogenheit ist nicht zufällig: Die Autorin des Films ist eng mit der Waldorf-Welt verbunden, tritt auf Waldorf-Podien auf und war als Waldorf-Festrednerin gebucht — was einer neutralen Berichterstattung im Wege steht, wie auch Volker Lilienthal, Professor für „Praxis des Qualitätsjournalismus“ an der Uni Hamburg, feststellt: „Die Autorin Saoub ist ja im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sozialisiert, sie kennt die professionellen Standards, da hätte sie selbst verzichten müssen.“
Weiterer Lesetipp: Waldorf-Dokumentation im SWR: Und nun tanze einen „deskriptiven“ Film (uebermedien.de, Boris Rosenkranz).

3. Eine Radtour mit dem Chefredakteur
(deutschlandfunk.de, Vera Linß, Audio: 5:27 Minuten)
Der Chefredakteur des „Tagesspiegel“ Lorenz Maroldt ist unter anderem für seinen Berlin-Newsletter „Checkpoint“ bekannt. Und für seine ungewöhnlichen Aktionen zur Leserbindung und Leserbetreuung. Das aktuellste Projekt: eine gemeinsame Radtour durch Berlin. Vera Linß war für den Deutschlandfunk dabei.

4. Vollehalle, Gala und eine Party! Am Freitag feiern wir Geburtstag
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Netzpolitik.org feiert am Freitag seinen 15. Geburtstag mit einer Konferenz in der Berliner Volksbühne und einer anschließenden Party. Als ebenfalls 15-Jährige gratuliert das BILDblog-Team und wünscht den Kolleginnen und Kollegen alles Gute für die nächsten 15 Jahre.

Weiterer Lesetipp: Interview mit Markus Beckedahl, dem Gründer der Plattform: „Man darf nicht gleich den Untergang der Demokratie verkünden“ (spiegel.de, Judith Horchert).

5. Mit zwölf Schritten in die Verschwörungsgalaxie
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Warum lassen sich Menschen auf Verschwörungstheorien ein? Sascha Lobo hat die Entwicklung zum Verschwörungstheoretiker in zwölf Phasen unterteilt: Von der Sinnsuche bis zum kompletten Persönlichkeitsumbau, der eine normale Diskussion unmöglich mache: „Wer solche Verschwörungsweltbilder als Teil seiner neuen Persönlichkeit verinnerlicht hat, sieht in jedem Diskussionsversuch über die Verschwörungstheorie zwingend einen Angriff auf die eigene Person.“

6. Das ist eine Grenzüberschreitung.
(twitter.com/florianklenk)
Als BILDblog-Kurator hat man schon einiges an Schmutz gesehen und müsste entsprechend abgehärtet sein. Aber hier gerate auch ich an meine Grenzen: Was ein Kolumnist der größten österreichischen Tageszeitung „Krone“ über den „Falter“-Chef Florian Klenk schreibt, ist von besonderer Widerwärtigkeit.

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Von dusseligen Mächten verhängnisvoll gegoogelt

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mi, 09/11/2019 - 18:11

Wer die Zeile „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ googelt, dem wird in den Ergebnissen ganz oben angezeigt: „Von guten Mächten“, Lied von Glashaus, verfügbar bei Spotify, Deezer und Google Play Music. Soso.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig fügte einem Video, in dem sie gestern ankündigte, ihre Parteiämter auf Bundesebene (und nicht alle Ämter, wie Bild.de zwischenzeitlich behauptete) wegen einer Krebserkrankung niederzulegen, eben dieses Zitat bei: „Von guten Mächten wunderbar geborgen…“ Darauf vertraue sie.

Die „Bild“-Zeitung vertraut dagegen aufs erste Google-Ergebnis. Der Redaktion zufolge zitiert Schwesig nämlich die Pop-Gruppe Glashaus:

Tatsächlich aber stammt diese Zeile nicht von einer Pop-Band, sondern vom Theologen und Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime Dietrich Bonhoeffer, der das dazugehörige Gedicht in der Vorweihnachtszeit 1944 schrieb, wie man etwa in der Bonhoeffer-Biografie des Theologen Wolfgang Huber nachlesen kann. Bonhoeffer verfasste den Text während seiner Gefangenschaft im Gestapo-Gefängnis in Berlin und fügte ihn einem Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer an.

Es sollte sein letztes Gedicht sein, das der Nachwelt erhalten blieb. Und wohl auch das berühmteste. In Ermangelung einer Überschrift wurde es erst mit dem Titel „Neujahr 1945“ veröffentlicht, später ging es dann mit dem Titel „Von guten Mächten“ um die Welt, so Biograf Huber. Wenig später, am 9. April 1945, wurde Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg erhängt — auf direkten Befehl Hitlers, alle Mitverschwörer des Attentats vom 20. Juli 1944 hinzurichten, zu denen die Nazis auch Bonhoeffer zählten.

Heute kennen viele Bonhoeffers letztes Gedicht aus der evangelischen Kirche, wo es sich, unter anderem vertont von Siegfried Fietz, großer Beliebtheit erfreut. Die von „Bild“ erwähnte Band Glashaus hat Bonhoeffers Werk 2009 recht schmalzig interpretiert.

Es wäre wahrlich nicht schwer gewesen herauszufinden, wer der wirkliche Urheber der Worte ist, die Manuela Schwesig gestern twitterte. Eine Alternative zum Runterscrollen bei den Google-Ergebnissen hätte übrigens ein kurzer Blick ins „Bild“-Archiv sein können: Erst vor drei Monaten berichtete die Redaktion über einen Tweet des thüringischen CDU-Landeschefs Mike Mohring, in dem dieser dieselben Worte Bonhoeffers zitierte — diesmal aber richtig eingeordnet durch das „Bild“-Team.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Asteroiden-Clickbait, Mäzen vs. Wikipedia-Hacker, Gute-Laune-Gesetz

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mi, 09/11/2019 - 08:54

1. „Gleich 3 gigantische Asteroiden rasen auf die Erde zu“ und anderer Wissenschaftsclickbait bei Futurezone.de (Schlechte Schlagzeilen Folge 25)
(scienceblogs.de/astrodicticum-simplex, Florian Freistetter)
Wissenschaftsautor und Astronom Florian Freistetter ärgert sich über die reißerische Berichterstattung des Portals Futurezone.de zu angeblich bevorstehenden Asteroideneinschlägen und anderen angeblichen Bedrohungen aus dem All: „Ich weiß nicht, wie solche Artikel zustande kommen. Vermutlich war irgendwer der Meinung, man bräuchte mal wieder ein paar Klicks und was geht da besser als potentieller Weltuntergang… Mit irgendeiner seriösen Form von Wissenschaftsjournalismus hat das absolut nichts zu tun.“

2. Wikipedia erhält Millionenspende für IT-Sicherheit
(spiegel.de)
Vergangenen Freitag kam es zu einem Hackerangriff auf Wikipedia, die deutsche Seite war für mehrere Stunden nicht erreichbar. Der Gründer des Anzeigenportals „Craigs List“ und Mäzen Craig Newmark hat dem Online-Lexikon nun 2,5 Millionen Dollar gespendet, die der Sicherheit der Plattform zugutekommen sollen.

3. Kein Thema
(kontextwochenzeitung.de, Anna Hunger)
Der Bahnkritiker und Stuttgart-21-Experte Arno Luik hat ein Buch über die Deutsche Bahn („Schaden in der Oberleitung“) verfasst, das viel mediale Aufmerksamkeit erfährt. Nur in Stuttgart wolle man sich nicht so recht für das Thema interessieren. Anna Hunger erklärt, warum Luik und dessen Buch in den Stuttgarter Zeitungen nicht stattfänden.

4. Prozess um lebendige Geister
(sueddeutsche.de, Wolfgang Janisch)
Der Streit zwischen Ex-Bundesrichter und Kolumnist Thomas Fischer und der „taz“-Journalistin Gaby Mayr über Fischers Kommentierung des Strafrechtsparagraphen 219a („Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“) ist mittlerweile beim Landgericht Karlsruhe gelandet. Dort wird man sich unter anderem mit der Grenzziehung zwischen bloßen Werturteilen und Tatsachenbehauptungen beschäftigen.
Weiterer Lesetipp dazu: Ist der „Schlam­perei“-Vor­wurf eine Tat­sa­chen­be­haup­tung? (lto.de, Christian Rath).

5. Joko Winterscheidt und G+J verabschieden sich von „JWD“: „Glauben Sie mir, es fällt uns allen nicht leicht“
(meedia.de, Gregory Lipinski)
Gruner + Jahr stellt das Magazin „JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis“ zum Jahresende ein. „Meedia“ hat mit Moderator Winterscheidt und dem G+J-Verantwortlichen Frank Thomsen über die Gründe gesprochen. Das ist insofern interessant, als es gleich zwei Segmente betrifft: das der Männermagazine und das der Personality- und Testimonial-Postillen à la „Barbara“.

6. Gute-Laune-Gesetze
(journalist-magazin.de, Sebastian Pertsch & Udo Stiehl)
Die Floskel-Spezialisten Sebastian Pertsch und Udo Stiehl beschäftigen sich mit den beschönigenden Umschreibungen, mit denen Politiker und Politikerinnen neuerdings ihre Gesetze versehen: „Sollte es bald zu einem Geile-Soldaten-Gesetz, Super-Schnelles-Internet-Abkommen oder Klima-Nein-Danke-Erlass kommen, wäre etwas mehr Widerstand gegen die politisch motivierten Tarnungen begrüßenswert. Aufgabe des Journalismus ist nicht, PR-Sprüche aus der Politik zu wiederholen.“

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Game of Phones, Hockeyschläger weiter gültig, Reden-Visualisierer

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Di, 09/10/2019 - 08:54

1. Darüber spricht der Bundestag
(zeit.de, Kai Biermann, Paul Blickle, Ron Drongowski, Elena Erdmann, Flavio Gortana, Alicia Lindhoff, Christopher Möller, Christoph Rauscher, Stephan Scheying, Michael Schlieben, Julian Stahnke, Julius Tröger & Sascha Venohr)
„Zeit Online“ hat alle Bundestagsreden seit 1949 grafisch analysierbar gemacht. So lässt sich zu jedem Suchbegriff beziehungsweise Schlüsselwort visualisieren, wann und wie oft er im Parlament erwähnt wurde. Ein tolles Werk- und Spielzeug zugleich.

2. Game of Phones
(journalist-magazin.de, Richard Gutjahr)
Richard Gutjahr hat einen lesenswerten Beitrag über die Zukunft des Journalismus verfasst. Man müsse realisieren, dass das Smartphone als Medium gewonnen habe und die Textform auch zukünftig weiter von Bewegtbild verdrängt werde: „In diesem laufenden Game of Phones wird uns daher nichts anderes übrigbleiben, uns selbst ein Stück weit als Smartphone zu begreifen, das alle paar Monate ein Update verlangt. Wir werden uns an den Gedanken gewöhnen müssen, dass wir — wie sehr wir uns auch anstrengen — niemals im gelobten Neuland ankommen werden. Dass wir den Prozess der digitalen Transformation nicht gegen, sondern nur mit dem Publikum meistern können. Dass nicht die abstrakte Marke unser Ticket in die Zukunft ist, sondern das Individuum, jeder User, jeder Mitarbeiter. Dass 5G und der damit wachsende Hunger nach Videos letztlich auch nur ein Vehikel sein wird für das eigentliche Produkt, für das es mehr denn je zu kämpfen lohnt: Vertrauen.“

3. Die „Hockeyschläger-Kurve“ vor Gericht: Ist der Klimawandel bei einem Prozess in Kanada widerlegt worden?
(blog.gwup.net, Bernd Harder)
Zahlreiche „Alternativmedien“ wie die „Achse des Guten“, „EIKE“, „Tichys Einblick“, „KenFM“, „Freie Welt“ oder „Epoch Times“ verbreiteten die Nachricht, dass ein führender Klimawissenschaftler einem Klimawandelleugner vor Gericht unterlegen sei. Alles Quatsch, wie Bernd Harder von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften erklärt.

4. Große Halle, kleiner Mut
(taz.de, Peter Weissenburger)
Bei Angela Merkels Besuch in Peking wollte die chinesische Regierung anscheinend einigen deutschen Journalisten den Zugang zu einer Pressekonferenz der Kanzlerin verwehren. Die „Irritationen“ konnten jedoch geklärt werden. „Alle deutschen Journalisten, die an der Willkommenszeremonie teilgenommen haben, erhielten letztlich auch Zugang zur Pressekonferenz“, so der Regierungssprecher.

5. US-Staaten eröffnen Kartellverfahren gegen Google und Facebook
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
US-amerikanische Behörden ermitteln gegen Tech-Unternehmen wie Google und Facebook wegen diverser Wettbewerbsverletzungen. Dabei geht es also nicht um Datenschutzverstöße, die in der Vergangenheit im Fall von Facebook bereits mit einer Strafzahlung von fünf Milliarden Dollar geahndet wurden, sondern ausdrücklich um die Marktdominanz der Unternehmen.

6. An Peinlichkeit kaum zu übertreffen
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek)
Arno Orzessek hat sich angeschaut, wie die Youtube-Community auf das erste Propagandafilmchen der CSU („CSYou“) reagiert: „Sie lästern derart ab, und zwar tausendfach, dass schon jetzt feststeht: Begreift man „CSYou“ als psychohygienische Müllhalde der Netz-Junkies, ist es ein unübertroffener Erfolg.“

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Was Julian Reichelt so alles für möglich hält

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mo, 09/09/2019 - 20:41

Zur Berichterstattung der „Bild“-Medien über einen ehemaligen Fußballprofi, der per WhatsApp Fotos verschickt haben soll, die den Missbrauch von Kindern zeigen, gab es nicht nur von uns Kritik. Nun hat sich „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt zu dieser Kritik im Deutschlandfunk geäußert. Und er kann — Überraschung! — keinerlei Fehlerverhalten seiner Redaktion erkennen.

An einer Stelle des Interviews fragt Moderatorin Brigitte Baetz den „Bild“-Chef:

Der „Bildblog“ schreibt aber quasi, dass Sie die eigene Berichterstattung erst initiiert haben, indem Sie sich an die Hamburger Polizei gewandt haben. Was würden Sie dazu sagen?

Reichelt antwortet:

Dazu müssen Sie den „Bildblog“ fragen, wie sie auf diese Interpretation kommen und wie, das würde mich dann interessieren, „Bildblog“ verfahren würde, wenn sie, wie gesagt, in einem grundsätzlich gelagerten Fall Kenntnis von möglichen schwersten Straftaten erlangen, ob sie das dann für sich behalten, was ich bei „Bildblog“ durchaus für möglich halte, oder ob sie das der Polizei mitteilen würden.

Wir haben nicht die leiseste Ahnung, wie Julian Reichelt darauf kommt, dass wir es für uns behalten würden, wenn wir „Kenntnis von möglichen schwersten Straftaten erlangen“ würden. Aber weil es ihn so „interessiert“: Natürlich würden wir das der Polizei melden.

Was wir hingegen nicht machen würden: dem Verdächtigen mit einer Armada aus Reportern, Fotografen und Kameramännern auflauern; den Fall bis ins Letzte ausschlachten; Sätze schreiben wie „Warum sind die Ermittler so sicher, dass [M.] über kinderpornografische Fotos verfügt?“, wenn überhaupt noch nichts sicher zu sein scheint; mehrere Fotos abdrucken, die den Verdächtigen mit Gruppen von Kindern und Jugendlichen zeigen, obwohl diese Aufnahmen nichts mit dem Fall zu tun haben; riesengroß und in einer Art und Weise berichten, dass der Verdächtige — wenn sich später seine Unschuld herausstellen sollte — künftig keine Chance mehr auf ein normales Leben haben dürfte; oder den Anfangsverdacht und die Ermittlungen, zu denen die Staatsanwaltschaft verpflichtet ist, so in Szene setzen, dass bei der Leserschaft letztlich kein anderer Gedanken entstehen kann als: „Der hat doch Dreck am Stecken“. Denn auch der Bundesgerichtshof warnt:

Dabei ist im Hinblick auf die aus dem Rechtsstaatsprinzip folgende (…) Unschuldsvermutung die Gefahr in den Blick zu nehmen, dass die Öffentlichkeit die bloße Einleitung eines Ermittlungsverfahrens mit dem Nachweis der Schuld gleichsetzt und deshalb im Fall einer späteren Einstellung des Ermittlungsverfahrens oder eines Freispruchs vom Schuldvorwurf „etwas hängenbleibt“

Mit Dank an Marc und @ThougthsAsmbly für die Hinweise!

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Killt „Bild“?, Geschönte Referenzen, Ausbeuterische Wissenschaftsverlage

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mo, 09/09/2019 - 08:54

1. Killt BILD?
(diekolumnisten.de, Heinrich Schmitz)
Der Jurist Heinrich Schmitz hat sich die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung über ein Ermittlungsverfahren gegen einen früheren Fußballnationalspieler angeschaut. Seine rechtliche wie moralische Bewertung: „An Unverfrorenheit ist die Berichterstattung der BILD in diesem Verfahren kaum zu überbieten. Nicht nur, dass sie selbst ein Ermittlungsverfahren initiiert und dann zunächst exklusiv darüber berichtet, nein, irgendjemand innerhalb der Ermittlungsbehörden gibt der BILD auch noch Informationen, die dazu führen, dass der Verdächtige nicht nur von Kriminalbeamten, sondern auch gleich von ein paar BILD-Reportern aufgesucht und fotografiert wird. Das hat mit seriöser Berichterstattung nichts mehr zu tun, das ist ein medialer Pranger.“
Weitere Lesetipps: Der Fall [M.] zeigt, wie sehr die „Bild“ auf den Rechtsstaat scheißt (vice.com, Juri Sternburg) sowie Sorgfalt bei Verdacht (taz.de, Christian Rath).

2. „profil“: Kurz-Biografin mit geschönten Referenzen
(profil.at)
Diese Woche erscheint das Buch „Sebastian Kurz: Die offizielle Biografie“. Geschrieben hat es Judith Grohmann, die in ihrem Lebenslauf behaupte, „die jüngste Investigativ-Journalistin und Schlussredakteurin Österreichs“ gewesen zu sein: „Mit 17 ging sie zum Herausgeber des bekanntesten österreichischen Enthüllungs- und Nachrichtenmagazins profil und bot ihm an, für ihn als Investigativ-Journalistin zu arbeiten. Zwei Monate später bot ihr der selbe (sic!) Herausgeber an, neben ihrer Tätigkeit als Journalistin auch als Chefin vom Dienst für profil zu arbeiten.“ Das Nachrichtenmagazin sieht das jedoch etwas anders: „Judith Grohmann dürfte 1985 zwar vorübergehend bei profil tätig gewesen sein, mit Sicherheit aber nicht als Redakteurin, geschweige denn als Chefin vom Dienst. Ihr Name scheint in keinem Impressum auf.“

3. Fünf Gründe warum Podcasts kein Geld verdienen (jedenfalls nicht einfach so)
(dirkvongehlen.de)
Seth Godin ist ein US-amerikanischer Autor und Unternehmer, der vor allem zu Internet- und Marketing-Themen schreibt. Aktuell beschäftigt er sich mit dem Thema Podcasting. Dirk von Gehlen hat einige von Godins Kernaussagen zusammengefasst — interessante Denkanstöße für Podcast-Hörende, Podcast-Machende und Podcast-Vermarktende.

4. Mit dem Zweiten wirbt man besser
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Jan Böhmermann bewirbt sich, bislang erfolglos, um den SPD-Vorsitz und nutzt dafür auch die mediale Kraft seiner ZDF-Sendung „Neo Magazin Royale“. „Das ist nicht in Ordnung“, findet Joachim Huber im „Tagesspiegel“: „Schon im Mitarbeiterkodex des ZDF heißt es: „Der Status eines ZDF-Mitarbeiters darf nicht dazu genutzt werden, sich individuelle private Vorteile zu verschaffen.“ Genau das tut Böhmermann, noch dazu großzügig bezahlt mit Rundfunkbeiträgen.“

5. Das ausbeuterische Geschäftsmodell der großen Wissenschaftsverlage
(krautreporter.de, Bent Freiwald)
Die drei größten wissenschaftlichen Verlage der Welt Elsevier, Springer (hat nichts mit dem hier häufiger thematisierten Axel-Springer-Verlag zu tun) und Wiley haben ein lukratives Geschäftsmodell zur Vermarktung von wissenschaftlichen Publikationen entwickelt, das ihnen traumhafte Renditen beschert. Mittlerweile wehren sich Bibliotheken, Unis und Institute gegen die hohen Preise der Monopolisten. Bent Freiwald erklärt das zu Lasten der Allgemeinheit gehende Geschäftsmodell. Er vergleicht es mit der fiktiven Vermarktung von Straßen, die sich wohl keiner gefallen lassen würde: „Das Bauunternehmen bezahlt seine Mitarbeiter:innen nicht, sondern berechnet ihnen eine Gebühr dafür, dass sie die Straße bauen dürfen. Die Bauaufsicht, die dafür verantwortlich ist, dass die Straße den Standards entspricht, wird auch nicht bezahlt. Und wenn du über die fertige Straße fahren willst, musst du ein teures Jahresabonnement abschließen oder 30 Euro Gebühren für eine einmalige Fahrt zahlen — obwohl die Straße von deinem Geld gebaut wurde.“

6. Ein Kreuzfahrt-Werbefilmchen im Nachmittagsprogramm
(dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff ist ein begeisterter Zuschauer der Nachmittags-Kreuzfahrt-Serie „Verrückt nach Meer“ im Ersten: „Weil es so komplett unterfordernd ist, so einfältig, so billig, so seicht.“ Hoff hat einen wunderbaren Rant auf das Format verfasst: „Wäre ich Kreuzfahrtveranstalter, ich würde mir umgehend die Rechte an dieser Reihe sichern. Besseres Werbematerial gibt es nicht. So kritikloses, so blutleeres, so profilloses Fernsehen mit einem derartigen Werbepotenzial muss man sonst lange suchen.“

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Streit bei der „Zeit“, Illegaler Spähverkauf, Moskaus Schikanen

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Fr, 09/06/2019 - 08:54

1. Welchen „Streit“ wollen sie?
(taz.de, Peter Weissenburger)
Die Wochenzeitung „Zeit“ führt ein neues „Streit“-Ressort ein. Um „den Begriff Streit wieder positiv zu besetzen und ihm eine kleine, feine Bühne zu bieten, auf der man hart in der Sache, aber verbindlich im Ton diskutieren kann“, so „Zeit“-Chef Giovanni di Lorenzo. Dazu hat man den US-Kolumnisten Bret Stephens eingekauft, der für seine provokanten Positionen in Sachen Klimawandel bekannt ist. „taz“-Redakteur Peter Weissenburger kommentiert: „Auf Nachfrage, welche Debattenkultur Bret Stephens in die Zeit tragen soll, teilt Ressortleiter Jochen Bittner mit: dieser Standpunkt sei hoffentlich von der Meinungsfreiheit gedeckt. Das stimmt. Aber es stimmt nicht gerade hoffnungsvoll bezüglich der Zeit-Streitkultur.“

2. Illegaler Verkauf von Spähsoftware an Türkei
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die deutsche Firmengruppe FinFisher soll die Spionage- und Überwachungssoftware FinSpy ohne Genehmigung der Bundesregierung an die türkische Regierung verkauft haben, so der Vorwurf der Gesellschaft für Freiheitsrechte, von Reporter ohne Grenzen, des European Center for Constitutional and Human Rights und von Netzpolitik.org. Die Organisationen haben gegen mehrere Geschäftsführer des FinFisher-Konglomerats Strafanzeige gestellt. Die Staatsanwaltschaft München hat daraufhin ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

3. „Wir haben Freiheiten, die man sich vor 20 Jahren nicht vorstellen konnte“
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier hat sich mit den beiden deutschen Youtubern Fabian Rieck und Steven Schuto unterhalten, die den Kanal „Space Frogs“ betreiben. Es geht um ihr erfolgreiches Video mit Rezo, die Tücken des Youtube-Algorithmus, das Problem der Demonetarisierung, die Reaktionen der öffentlich-rechtlichen Youtuber von Funk und die Frage, wie sich die beiden motivieren, ohne in den Burnout zu schlittern.

4. Moskau schikaniert Deutsche Welle
(djv.de, Hendrik Zörner)
Das russische Parlament wirft der Deutschen Welle „Einmischung in die inneren Angelegenheiten“ des Landes vor und wollte die Vertreter des Senders offiziell einbestellen, was die Deutsche Welle abgelehnt habe. Man sei zu Gesprächen bereit, lasse sich jedoch nicht einbestellen. „Genau die richtige Reaktion. Journalisten müssen sich nicht dafür rechtfertigen, dass sie kritisch berichten“, so der Kommentar von DJV-Pressesprecher Hendrik Zörner.

5. Facebook bietet Verlagen bezahlte Video-Partnerschaften an
(horizont.net)
Facebook geht Kooperationen mit Verlagen und Herausgebern ein, um an exklusive Videoinhalte zu gelangen. Als Partner hat man sich zunächst die Verlagshäuser Axel Springer, Burda sowie Gruner + Jahr herausgepickt, denen man einen zweistelligen Millionenbetrag zahlt und mit denen man die zukünftigen Werbeerlöse teilen will.

6. „Wir sind Brückenbauer im Grenzland“
(sueddeutsche.de, Peter Burghardt)
Peter Burghardt hat die Redaktion des „Nordschleswiger“ besucht, die Zeitung der deutschen Minderheit in Dänemark mit kaum mehr als 1200 Abonnenten. Seit 1946 existiert die „größte deutschsprachige Zeitung Skandinaviens“, die zugleich auch die einzige ist. Das Blatt trägt sich durch Zuwendungen von Mäzenen, eine jährliche Zahlung vom Bund Deutscher Nordschleswiger von mehr als zwei Millionen Euro und eine Unterstützung des Königreichs Dänemark (400.000 Euro). Ab Februar 2021 werde man sich vollkommen auf den digitalen Vertriebsweg konzentrieren.

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„Bild“ und die Kinderporno-Ermittlungen

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Do, 09/05/2019 - 16:51

Seit gestern berichten die „Bild“-Medien riesengroß über einen ehemaligen Profifußballer, gegen den wegen des Verdachts der Verbreitung von kinderpornografischen Materials ermittelt wird. Gut ein Dutzend Artikel und zwei Titelgeschichten hat „Bild“ bereits dazu veröffentlicht, unter voller Namensnennung, mit vielen Fotos und Details aus den Ermittlungen. Zweifel an der Schuld des Mannes lässt das Blatt dabei nur wenige: Die Ermittler seien sich „sicher, dass [M.] über kinderpornografische Fotos verfügt“.

Oder wie es der „Postillon“ gestern formulierte:

Mann (38) ohne Verfahren öffentlich hingerichtet

Düsseldorf (dpo) – Ein 38-jähriger Deutscher ist innerhalb der letzten Stunden ohne gerichtliches Verfahren öffentlich hingerichtet worden. Die für die öffentliche Hinrichtung nötige Aussetzung der Unschuldsvermutung wurde zuvor unrechtskräftig von Boulevard-Journalisten und mutmaßlichen Informanten von Staatsanwaltschaft oder Polizei beschlossen.

***

Gestern Abend wurde das Thema auch in der ARD-Sendung „Maischberger“ angesprochen. Zu Gast war unter anderem FDP-Politiker und Rechtsanwalt Wolfgang Kubicki.

Maischberger: Es ist heute eigentlich zu früh, darüber zu reden, aber Sie haben vor der Sendung gesagt, dass Sie ihn kennen: [M.], der Mann, der heute auf der großen Titelseite einer sehr großen Zeitung in Deutschland …

Kubicki: Was ich unverschämt finde.

Maischberger: … wegen des Verdachts der Verbreitung von kinderpornografischem Material steht. Dann hat die Staatsanwaltschaft tatsächlich gesagt: Ja, es gibt ein Ermittlunsgsverfahren. Kann man das machen in dem Moment schon?

Kubicki: Nein. Der Begriff Unschuldsvermutung heißt, jemand ist so lange unschuldig, bis die Schuld durch ein gerichtliches Verfahren nachgewiesen ist. Das Problem – ich mache ja Wirtschafts- und Steuerstrafsachen, das ist einigermaßen harmlos -, aber wenn Sie als Vergewaltiger oder als Kinderschänder gebrandmarkt werden, auch wenn sich hinterher rausstellt, da ist nichts dran, das werden Sie in Ihrem Leben nie wieder los. Die Staatsanwaltschaft hat einen Anfangsverdacht bejaht. Sie ermittelt jetzt logischerweise, das muss sie tun, sie ist zur Legalität verpflichtet. Aber dass eine Zeitung so groß schon so tut, als sei das erwiesen, das zieht mir die Schuhe aus.

Über Kubickis Aussagen berichtet heute auch Bild.de. Und zwar so:

Auch im Text heißt es:

Die Ermittlungen gegen den Ex-Nationalspieler [M.], mit dem er persönlich bekannt ist, nennt Kubicki eine „Unverschämtheit!“

Denn: „Wenn Sie als Vergewaltiger oder als Kinderschänder gebrandmarkt werden – auch wenn sich hinterher herausstellt, da ist nichts dran: Das werden Sie in Ihrem Leben nie wieder los!“

So geht „Bild“ mit Kritik an „Bild“ um: Sie wird einfach weggelogen.

***

„Immerhin“, schreibt der „Postillon“ noch: „Nach der öffentlichen Hinrichtung soll nun in einem ordentlichen Gerichtsverfahren herausgefunden werden, ob die Anschuldigungen gegen den Hingerichteten gerechtfertigt waren.“

Vielleicht – hoffentlich – wird dabei auch die Rolle der „Bild“-Zeitung näher beleuchtet. Zum Beispiel die Frage, woher die Reporter genau wussten, wann und wo der Verdächtige von den Fahndern aufgegriffen wird („Bild“ war mit mehreren Leuten dabei und hielt dem Mann Kameras vors Gesicht).

Interessant auch die Frage, wie genau die Ermittlungen zustande kamen. „Bild“ schrieb gestern:

Nach BILD-Informationen meldete sich vor drei Wochen eine Frau bei der Hamburger Polizei. Sie legte den Ermittlern mindestens 15 kinderpornografische Fotos vor, die ihr per WhatsApp geschickt worden sein sollen. Der mutmaßliche Absender der Bilder: [M.]. [Er] soll seit über einem Jahr eine Beziehung mit der Hamburgerin gehabt haben und vertraute ihr offenbar.

Die Staatsanwaltschaft erklärte gegenüber Medienvertretern später jedoch, dass nicht die Frau, sondern ein Tippgeber die Ermittlungen ins Rollen brachte:

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft erhielt die Polizei von einer dritten Person den Hinweis, dass eine Frau kinderpornografische Dateien von dem Ex-Fußballer erhalten habe. Die Polizei habe die Frau daraufhin kontaktiert und als Zeugin befragt.

Nach unseren Informationen kam dieser Hinweis von: der „Bild“-Zeitung.

Auch der Sprecher der Hamburger Polizei teilte mit: „Die Bild-Zeitung ist an die Polizei Hamburg mit einem Sachverhalt herangetreten, bei dem sofort strafrechtliche Ermittlungen einzuleiten waren.“

Die „Bild“-Zeitung stößt also Ermittlungen an, über die sie selbst dann exklusiv berichtet, mit mutmaßlich durchgesteckten Infos aus Ermittlerkreisen und ohne große Rücksicht auf die Unschuldsvermutung. Da zieht es nicht nur Wolfgang Kubicki die Schuhe aus.

Mit Dank auch an den anonymen Hinweisgeber!

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