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Anwalts Alpha-Liebling, Unhaltbare „Spiegel“-Story, Linnemanns Law

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mi, 08/07/2019 - 08:54

1. Kollegah und die Baulig Consulting GmbH haben …
(twitter.com/danieldrepper)
Der Rapper Kollegah und eine mit ihm zusammenarbeitende Consulting-Firma haben anscheinend „BuzzfeedNews“ und „Vice“ mit etwa einem Dutzend Abmahnungen überzogen. Anlass der teuren Anwaltsschreiben: Die Investigativrecherche über Kollegahs „Alpha Mentoring“-Programm. Daniel Drepper schreibt in einem Twitter-Thread: „Kollegah und Baulig greifen auch Medien an, die über unsere Recherche berichtet haben. Auch kleine Medien, die es nicht gewohnt sind, angegriffen zu werden. Die Schreiben sind unserer Ansicht nach haltlos, aber sie sollen offenbar der Einschüchterung dienen. Das reicht von „presserechtlichen Informationsschreiben“ bis zu konkreten Abmahnungen. Wir wollen darüber berichten und betroffenen Medien helfen: Wer solche Schreiben bekommen hat, der melde sich bitte bei mir.“

2. Was hat der „Spiegel“ zu verbergen?
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Ausgerechnet den Reporter, gegen den ernstzunehmende Fälschungs-Vorwürfe im Raum stehen, will der „Spiegel“ zum Leiter seines Investigativ-Teams machen. Anstatt die Sache transparent aufzuklären, mauert das Blatt und setzt auf Aussitzen. Stefan Niggemeier fragt: „Was hat der „Spiegel“ zu verbergen? Die ganzen Vorgänge wären zu jedem Zeitpunkt zweifelhaft gewesen, aber wie kann der „Spiegel“ auch nach dem Relotius-Skandal noch glauben, mit einer Vernebelungstaktik durchzukommen?“

3. Linnemanns Regel: Keine Interviews für Paid Content-Angebote
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
In den vergangenen Tagen stand der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Carsten Linnemann im Mittelpunkt der Kritik. Medien hatten über seine angebliche Forderung nach einem Grundschulverbot für Kinder mit schlechten deutschen Sprachkenntnissen berichtet. Eine Darstellung, die nicht sofort überprüfbar war, denn das Interview mit Linnemann stand hinter einer Anmelde- und Werbeschranke. Thomas Knüwer hat für derartige Fälle einen generellen Tipp: „Gib niemals ein Interview, das hinter einer Paid Content-Wand oder Anmeldeschranke verschwindet.“ Und er erweitert die „Linnemansche Regel“ um eine zusätzliche Option: „Wenn Du einem Medium mit Bezahlschranke ein Interview gibst, dann veröffentliche es zeitgleich selber auf Deinen Präsenzen.“

4. Rechter Terrorismus in El Paso: Warum medial immer so zimperlich?
(fr.de, Katja Thorwarth)
Viele Medien bezeichnen die Terrortat eines Rechtsextremisten in El Paso mit Worten wie „Massenmord“, „Bluttat“, „Blutbad“ oder „Schusswaffenattacke“ und vermeiden damit die sich aufdrängende politische Einordnung. In einem Kommentar für die „FR“ fragt Katja Thorwarth: „Woher kommt der zaghafte Umgang mit der terroristischen Rechten? Wird hier, vielleicht auch unbewusst, so zurückhaltend agiert, weil viele Thesen in der Gesellschaft längst verankert sind? Weil die sogenannte Mitte inklusive der sogenannten Konservativen immer nach rechts tendierte und somit inhaltlich-politisch dem rechten Terror — bezüglich seiner theoretischen Legitimation — näher steht, als die viel lieber in den Fokus gestellte Linke?“
Lesenswert auch: Margarete Stokowskis Artikel Kein Ruhm für Mörder, in dem sie an einen 50 Jahre alten Adorno-Vortrag erinnert, der nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat (spiegel.de).

5. Frau kontert bei Facebook – ist die Familientragödie erfunden?
(t-online.de, Lars Wienand)
In einem zehntausendfach geteilten Facebook-Beitrag berichtete eine Frau auf sehr emotionale Weise von einer biografischen Anekdote, wahrscheinlich um der Hetze im Zusammenhang mit dem vor den Zug gestoßenen Jungen in Frankfurt etwas entgegenzusetzen. Leider bestehen erhebliche Zweifel an der Richtigkeit der Geschichte: Die Frau habe den Beitrag mittlerweile gelöscht und verweigere jede Auskünfte dazu.

6. Song: Bild
(facebook.com/extra3)
„Extra3“ hat „Bild“ einen eigenen Song gewidmet. Aus Gründen: „Die Bild-Zeitung fragt seit Tagen, was man gegen Hetze tun kann. Wir hätten da eine Idee.“

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Quelle Internet, Plattform für Massenmörder, Medientrainings

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Di, 08/06/2019 - 08:54

1. Das Problem mit der Quelle Internet
(deutschlandfunk.de, Bettina Köster, Audio: 5:20 Minuten)
In Breaking-News-Situationen muss in den Medien alles ganz schnell gehen. Problematisch kann es für Journalistinnen und Journalisten werden, wenn keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen und sich diese dann bei Twitter und Co. nach „Material“ umschauen. Den Medienhäusern würde vielfach die Verifikations-Kompetenz fehlen, so der Kommunikationswissenschaftler Florian Wintterlin im Deutschlandfunk.

2. Das Netz darf keine Plattform für Massenmörder sein
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Zum wiederholten Male nutzten Massenmörder und Terroristen die Seite „8chan“ als PR-Plattform für ihre Taten. Simon Hurtz nennt sie deshalb auch „einen der widerlichsten Orte des Internets“. Zurzeit ist die Plattform abgeschaltet, weil ein technischer Dienstleister den Vertrag auflöste. Doch von Dauer werde dies nicht sein. Außerdem seien die sich dort und woanders beteiligenden Menschen das viel größere Problem: „Der Hass in ihren Köpfen verschwindet nicht, wenn man eine ihrer Spielwiesen abmäht.“ Ein Hass, der vom amerikanischen Präsidenten höchstpersönlich geschürt werde.

3. „Die Klimaleugner sind gut organisiert“
(zeit.de, Eike Kühl)
Mehrere Jahre hat sich das Peer-Review-Verfahren einer Untersuchung hingezogen, in der der Forscher Joachim Allgaier YouTube-Suchbegriffe zum Thema Klimawandel untersucht hat. Nun sind die Ergebnisse erschienen und werden in den Medien oft verfälscht interpretiert. Im Gespräch mit „Zeit Online“ erklärt Allgeier, was er tatsächlich herausgefunden hat. Zum Beispiel, dass die Klimaleugner durchaus gut organisiert seien: „Da ist definitiv eine Expertise vorhanden, was Social-Media-Marketing angeht. Diese Leute wissen sehr wohl, wie und über welche Inhalte man die Menschen erreicht, vielleicht sogar besser, als die Scientific Community.“

4. Springers Kapital
(taz.de, Peter Weissenburger)
Peter Weissenburger fasst den derzeitigen Stand beim bevorstehenden Einstieg des US-Investors KKR beim Axel-Springer-Verlag zusammen. Sollte KKR zum Zug kommen, werde das Digitalgeschäft weiter ausgebaut, womöglich mit Folgen für das Printgeschäft. Der Betriebsrat befürchte jedenfalls einen Personalabbau in diesem Bereich.

5. Was lernen Politiker*innen in Medientrainings?
(arminwolf.at, Lena Doppel-Prix)
Im österreichischen Fernsehen hat die Zeit der „Sommergespräche“ begonnen, einer Interviewreihe des ORF mit Politikerinnen und Politikern. Armin Wolf weiß aus leidvoller Erfahrung, wie schwer diese Gesprächsform ist, wenn man als Journalist auf ein medientrainiertes Gegenüber trifft. In seinem Blog lässt er nun gewissermaßen die Gegenseite zu Wort kommen: Lena Doppel-Prix bereitet als Kommunikations- und Medientrainerin Personen aus dem Politikbetrieb auf derartige Interviews vor.

6. Wie Humor auf die Wahrnehmung politischer Nachrichten wirkt
(de.ejo-online.eu, Joachim Trebbe)
Kommunikationswissenschaftler der Uni Wien haben herausgefunden, dass politische Nachrichten in Sozialen Medien besser wahrgenommen werden, wenn in der Timeline auch lustige Videos erscheinen. Der Medienanalytiker Joachim Trebbe kommentiert: „Die Schlussfolgerung, dass lustige Katzenvideos im Internet die politische Kommunikation stärken, geht vielleicht ein bisschen zu weit — Überraschungseffekte bei Nutzern, die in erster Linie auf der Unterhaltungswelle im Netz surfen, sind aber klar erkennbar und machen Hoffnung.“

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„Bild“ als medialer Arm der AfD, Totenhausmitteilung, Head of Wichtig

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mo, 08/05/2019 - 08:54

1. „Bild“ agiert als medialer Arm der AfD
(tagesspiegel.de, Jupp Legrand)
Der „Tagesspiegel“ hat sich mit Jupp Legrand von der Otto-Brenner-Stiftung über Erfreuliches und Ärgerliches in den Medien unterhalten. Ganz besonders hat uns sein folgendes Statement gefreut: „Weil „Bild“ mal wieder eine Ausnahme von der Regel war (wie zuvor schon in der Berichterstattung über die Speisepläne zweier Kitas), braucht es weiterhin www.bildblog.de. Während die Zeitung sich unter der Schirmherrschaft von Kai D. (55) in die Mitte der Gesellschaft schrieb, agiert sie heute unter Julian R. (39) wie der mediale Arm der AfD. Wenn das Journalismus ist, falten gleichnamige Schmetterlinge auch Zitronen.“
(Wer es ähnlich wie Jupp Legrand sieht und uns bei unserer täglichen Arbeit unterstützen will, kann dies hier tun.)

2. „AfD verzerrt Bilanz zu Straftaten systematisch“
(zeit.de)
Medienwissenschaftler haben sämtliche 242 Pressemitteilungen der AfD zum Thema Kriminalität in Deutschland analysiert und mit den offiziellen Zahlen verglichen. Wenn die AfD die Nationalität von Tatverdächtigen nenne, seien es zu 95 Prozent Ausländer. Und bei den restlichen fünf Prozent werde oft damit argumentiert, dass die Tatverdächtigen einen Migrationshintergrund hätten, oder ihr Tatbeitrag werde heruntergespielt.

3. So sicher nicht
(golem.de, Moritz Tremmel & Sebastian Grüner)
Berichte über Sicherheitslücken seien oftmals problematisch, so die „Golem“-Autoren Moritz Tremmel und Sebastian Grüner, und das habe einen Grund: „Insbesondere Sicherheitsfirmen kontaktieren uns fast täglich mit Pressemeldungen und Berichten über angeblich extrem gefährliche Sicherheitslücken, welche die IT-Welt bedrohten. Bei näherem Hinsehen zeigt sich oft, dass die Berichte aufgebauscht und wichtige Details weggelassen wurden.“

4. Frauen im Teamhaus unerwünscht
(sueddeutsche.de, Elena Bruckner)
Gaming-Profis im E-Sport sind überwiegend männlich — mit allen daraus resultierenden negativen Folgen. Ende April hat sich daher eine Arbeitsgruppe „Gender Diversity im E-Sport“ gebildet, die sich für mehr Gleichberechtigung und gegen Frauenfeindlichkeit und Diskriminierung einsetzt. Elena Bruckner berichtet über die Schwierigkeiten der Gaming- und E-Sport-Szene mit der Diversität.

5. Totenhausmitteilung: @DerSPIEGEL und Marie Sophie Hingst.
(twitter.com, Patrick Bahners)
Patrick Bahners antwortet auf Twitter auf die Stellungnahme des „Spiegel“ zum Tod der Bloggerin Marie Sophie Hingst.
Weiterer Lesetipp: „Nicht jeder Journalist hat den psychologischen Blick“ (deutschlandfunkkultur.de, Katja Bigalke und Martin Böttcher). Dort sagt der Medienethiker Christian Schicha unter anderem: „Personen, die in die Öffentlichkeit treten, müssen ihr Handeln auch vor der Öffentlichkeit legitimieren und sich auch kritische Fragen gefallen lassen.“

6. «Head of Wichtig» – das steckt wirklich hinter Jobtiteln
(tagesanzeiger.ch, Holger Alich)
Holger Alich hat sich die teilweise aufgeblähten englischen Berufsbezeichnungen angeschaut (zum Beispiel „Young Professional Officer“ für Praktikant), die er wie folgt einteilt: „… die sinnvollen Titel, die es braucht, weil ein Beruf neu ist und es dafür noch keine Bezeichnung gibt. Die Angebertitel, die aus etwas Banalem etwas toll Klingendes machen, häufig durch eine englische Übersetzung. Und die kreativen Titel, mit denen ein Unternehmen zeigen will, wie es tickt.“

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Sterbende Blätter unter sich

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Fr, 08/02/2019 - 16:36

Nach der „Höllen-Hitze“, die selbst Franz Josef Wagner die noch übrigen Gehirnzellen völlig durcheinanderbrachte, hat Bild.de vor ein paar Tagen den nächsten Wetter-Wahnsinn entdeckt, und zwar in Hannover:

Sie können es kaum fassen: „Laub liegt rund um den Maschsee – und das Ende Juli!“

Überall braune Blätter! „Ist denn schon Herbst?“, fragt Bild.de.

Gerade noch war‘s pottenheiß, jetzt fallen schon die Blätter von den Bäumen. Am Maschsee, in den Biergärten, Alleen, auf Gehwegen – überall raschelt‘s wie im Herbst. Spielt die Natur jetzt total verrückt?

Nö, schreibt uns unser Leser Lion:

Alle „braunen Blätter“, die gezeigt werden, sind nur verwelkte Lindenblütenblätter. Die Lindenblüte ist von Juni bis August und total normal für diese Jahreszeit. Das eingebettete Bild mit einer grünen Linde spricht ja eigentlich für sich. Baumsterben und die Klimakatastrophe sind real, aber eben nicht mit verwelkten Lindenblüten darstellbar.

Um auf Nummer sicher zu gehen, haben wir auch noch bei einem Experten nachgefragt, bei Prof. Dr. Thomas Pfannenschmidt vom Institut für Botanik der Leibniz Universität in Hannover. Er schreibt uns:

Um es kurz zu machen: Der Leser hat recht, im wesentlichen sind es verwelkte Blütenblätter, die zuhauf unter den Linden zu finden sind. Das zweite Foto des Artikels zeigt ja sehr schön, dass die Laubblätter der Bäume noch sehr grün sind. Ich will aber nicht ausschließen, dass auch Laubblätter in dem trockenen Blattwurf enthalten, dazu sind die Aufnahmen zu unscharf.

Bäume, wie alle mehrjährigen Pflanzen, können die Jahreszeit über die Tageslänge wahrnehmen. Wenn die Tage kürzer werden und dabei eine bestimmte Länge unterschreiten, dient dies als Signal für die Bäume, die Stickstoffressourcen aus den Laubblättern abzuziehen. Wir nennen das dann Herbst. Danach sind die Blätter wertlos und werden abgeworfen.

Der Artikel ist natürlich suggestiv geschrieben, ist aber auch nicht ganz falsch. In der Tat werfen viele Baumarten in ausgedehnten Trockenperioden ihre Blätter ab, insbesondere, wenn ihre Wurzeln keinen oder nur geringen Kontakt zum Grundwasser haben, wie viele Stadtbäume. Dies ist eine normale Reaktion auf lang anhaltenden Stress durch Wassermangel. Die Bäume vermeiden durch den vorzeitigen Laubabwurf die totale Austrocknung und versuchen dadurch zu überleben. Dies hat absolut nichts mit der Jahreszeit zu tun, sondern ist in der Tat eine reine Stressreaktion. Einige Arten können bei nachfolgender guter Bewässerung neue Blätter austreiben, andere nicht. Das Wachstum des Baumes wird auf jeden Fall deutlich beeinträchtigt.

Das Phänomen wird in den nächsten Jahren mit weiteren heißen Sommern mit Sicherheit weiter zu beobachten sein.

Und mit ihm mit Sicherheit auch weitere suggestive „Bild“-Artikel.

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Kita-Messerstecher, Diekmanns Brei, Flower Rain statt Shitstorm

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Fr, 08/02/2019 - 08:54

1. „Ich werde sie töten, mit einem Messerstich ins Herz“
(t-online.de, Jonas Mueller-Töwe)
Dass die reißerische und manipulative Berichterstattung der „Bild“-Zeitung immer wieder dramatische Folgen hat, wird in Zusammenhang mit dem angeblichen Schweinefleisch-Verbot in Kindertagesstätten besonders deutlich. So veröffentlichte der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung eingegangene Morddrohungen gegen Kita-Leitung, Erzieherinnen und Erzieher, bei denen einem selbst als Unbeteiligtem ganz mulmig zumute wird.

2. Von wegen Einheitsbrei
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der frühere „Bild“-Chef Kai Diekmann kritisiert in einem aktuellen Interview die Medien und schwadroniert von „Einheitsbrei“ und „Mainstream-Journalismus“. Hendrik Zörner hält Diekmann entgegen: „(…) dass er selbst sein eigenes Blatt nicht mehr zur Kenntnis nimmt, ist skurril. Täte er es, so wüsste er, dass Deutschlands meistverkaufte Zeitung das schlagende Argument gegen den angeblichen Mainstream-Journalismus und medialen Einheitsbrei ist. Darin ist sein Nachnachfolger Julian Reichelt Spitzenklasse.“

3. Hat Wikipedia ein Problem mit Frauenfeindlichkeit?
(welt.de, Jochen G. Fuchs)
Werden Frauen bei Wikipedia benachteiligt? Jochen G. Fuchs fasst noch einmal die Löschdiskussion über den Phantastik-Autoren-Verband zusammen und beschäftigt sich mit den sogenannten Relevanzkriterien. „Es gibt verschiedene Probleme in der Wikipedia: Manchmal stellen die Relevanzkriterien und deren beliebige Auslegung ein Problem dar, manchmal die ausgeprägte Abneigung gegen Neumitglieder und gegen eine Öffentlichkeit außerhalb der Wikipedia. Manchmal aber ist das Problem eine generelle strukturelle Benachteiligung der Frauen und eine sowohl latente als auch offen zur Schau getragene Frauenfeindlichkeit. In den vorliegenden Fällen ist es eine Mischung aus allem.“

4. Flower Rain statt Shitstorm – Wie wir Betroffene von Hass im Netz unterstützen können
(vice.com, Alexandra Stanic)
„Vice“-Kolumnistin Alexandra Stanić geriet unlängst in einen Shitstorm, als eine rechtsextreme Plattform einen ihrer Texte aufgriff und ihre Leser zur massenhaften Hetze anstachelte. So unerfreulich sich dies für sie auswirkte, so erfreulich war, dass ihr im Netz viele Menschen beiseite standen: „Eine Welle an Solidarität hat mich in Zuckerwatte gepackt und mir geholfen, mit den Hass-Mails besser umzugehen. Der Flower Rain — das positive Pendant zum Shitstorm — war stärker als die Wut. Dieser virtuelle Blumenregen hat gut getan — und wir sollten alle daran mitarbeiten, dass es im Netz weiterregnet, und zwar nicht nur auf mich.“

5. Das bedrohte Erbe des Axel Springer
(sueddeutsche.de, Caspar Busse)
Der amerikanische Finanzinvestor KKR will den Axel-Springer-Verlag übernehmen. Was hat das für Folgen für das Medienunternehmen und seine publizistischen Ableger? Gibt es Umstrukturierungen oder droht am Ende gar die Zerschlagung des Konzerns? Caspar Busse trägt die bislang bekannten Fakten zusammen.

6. Würde er doch beim Wetter bleiben!
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek)
Jörg Kachelmann startet einen vierwöchigen Urlaub und werde nach eigenen Angaben in dieser Zeit auch nicht twittern. Für Arno Orzessek eine gute Gelegenheit den Wettergott und dessen „Twitter-Ergüsse“ gebührend zu würdigen: „Liebe Kulturpessimisten und Verächter der sozialen Medien, geben Sie es ruhig zu: Was das rhetorische Vermögen angeht, vereint der Twitterer Kachelmann den Ingrimm des ruhmreichen Kotzbrockens Arthur Schopenhauer mit dem Detailwahnsinn des Buchstabenfexes Jean Paul.“

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Und wer schützt uns vor Katastrophen wie „Bild“?

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Do, 08/01/2019 - 13:23

Es gibt bei „Bild“ eine Art Bullshitsiegel, und das sieht so aus:

Wenn man diese Zeile über einem Artikel liest, kann man mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass mit dem Text etwas nicht stimmt. Denn wie kaum ein zweiter Name steht Ralf Schuler für die Unfähigkeit, selbst einfachste Fakten zu recherchieren. Oder, je nachdem, für die Böswilligkeit, Fakten zugunsten der Knalligkeit einer Story zu verzerren oder zu verschweigen.

Was es davon ist, ist nachher oft nicht mehr auszumachen, vermutlich sind die Übergänge mitunter auch fließend.

Nachdem Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer vor gut einer Woche mit der Idee für Aufsehen gesorgt hatte, Soldaten in Uniform kostenlos Bahn fahren zu lassen, und das nicht etwa in einem exklusiven „Bild“-Interview getan hatte, sondern in ihrer ersten Regierungserklärung im Paul-Löbe-Haus, wollte „Bild“ natürlich noch mit einer eigenen spektakulären Meldung aufwarten. Und so berichtete Ralf Schuler nur einen Tag später exklusiv:

Nachdem Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (56, CDU) kostenlose Bahn-Fahrten für Soldaten in Uniform gefordert hat, fordert der Präsident der THW Bundesvereinigung, Marian Wendt (34, CDU), kostenlose Fahrten für ALLE Uniformträger!

„Jeder Uniformträger sollte in Deutschland kostenlos Bahn fahren, wenn er diese trägt. Ohne großes bürokratisches Hin- und Her“, sagte Wendt zu BILD.

Auch Feiern wie Eidesleistungen oder Beförderungen sollten öffentlich stattfinden, so Wendt.

Und Schuler wurde nicht müde zu betonen, dass es der THW-Chef persönlich war, der das gefordert hatte, und zwar in „Bild“!

(…), sagt der THW-Chef zu BILD.

Marian Wendt (34, CDU) ist nicht nur THW-Chef, sondern auch Bundestagsabgeordneter

Der 34-Jährige sitzt nicht nur auf dem Chefsessel der größten deutschen Katastrophenschutz-Organisation, sondern auch für die CDU im Deutschen Bundestag.

Nun. In Wahrheit sitzt Marian Wendt nicht auf dem Chefsessel der größten deutschen Katastrophenschutz-Organisation. Er ist nicht der THW-Chef. Er ist, wie man in wenigen Sekunden herausfinden kann, Präsident des „THW-Bundesvereinigung e.V.“. Das wiederum ist eben nicht die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk, sondern der „Dachverband der bundesweiten THW-Fördervereine auf Landes- und Ortsebene“.

Auf dem „Chefsessel“ des THW sitzt nun mal dessen Präsident, Albrecht Broemme, der auch nicht Mitglied des Bundestages ist.

Das heißt, entweder hat Ralf Schuler es nicht hingekriegt, das selber herauszufinden, oder er hat es herausgefunden und verschwiegen. Aber „Präsident der bundesweiten THW-Fördervereine auf Landes- und Ortsebene fordert Freifahrten für alle Uniformen“ wäre ja auch nicht so schön knackig gewesen.

Wie dem auch sei – leider gibt es in Deutschland immer noch viele Medien, die Ralf Schuler für einen glaubwürdigen Journalisten halten, und so landete die Geschichte (auch dank freundlicher Unterstützung der dpa) ruckzuck überall:

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Kollegahs Würstchen-Mentoring, Empörungslust, DHLs „Fan-Fotos“

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Do, 08/01/2019 - 08:54

1. Exklusiv: Undercover bei Kollegahs Alpha-Armee
(vice.com, Daniel Drepper & Paul Schwenn & Johann Voigt)
Der Rapper Kollegah hat ein Online-Coaching-Programm aufgelegt, das er „Alpha Mentoring“ nennt. Recherchen von „Vice“ und „BuzzFeed News“ zeigen nun, was dahinter steckt — allerlei kruder Unsinn und wilde Verschwörungstheorien: „Unter anderem behauptet er, die Weltordnung sei ein „Pyramidensystem“ und die Menschen an der Spitze bekämen direkte Instruktionen vom Satan höchstpersönlich. Experten, die wir mit unseren Recherchen konfrontieren, nennen das Programm unseriös, sprechen von „klarer Täuschung“, von einer Guru-Bewegung und von Gehirnwäsche.“

2. Leser per Klick anlocken
(sueddeutsche.de, Jacqueline Dinser)
Das österreichische Nachrichtenportal oe24.at ist auf eine Strategie gekommen, die man getrost als Verzweiflungstat einstufen kann: Man zahlt den Nutzerinnen und Nutzern Geld für ihre Klicks, hofft dabei auf mehr Reichweite und höhere Anzeigenerlöse.

3. Wenn Empörung zur Lust wird
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo schreibt über die schwierige Gemengelage von Provokation und Reaktion: „Gegenruhm durch Empörungslust ist gleichzeitig das PR-Konzept der AfD und das Bindeglied zwischen Identität und Öffentlichkeit, es ist aber auch konstitutives Element der sozialen Medien, wie wir sie heute kennen, mit dem sich die Erfolge der Rechten erklären lassen. Gegenruhm durch Empörungslust bedeutet, soziale Anerkennung nicht durch Lobpreisung der eigenen Anhänger zu bekommen, sondern durch wütenden Widerspruch der Gegner.“

4. Wie Überschriften unsere Wahrnehmung von Nachrichten dominieren
(twitter.com, Kevin Kühnert)
Kevin Kühnert weist auf Twitter auf eine Schlagzeile der „Berliner Zeitung“ hin, die eine „neue Hiobsbotschaft“ verkündet: „Entscheidender Techniktest am BER wird verschoben“. Beim näheren Hinklicken wird klar, um welchen Zeitraum es sich dabei handelt, aber lest selbst …

5. Hohn für die Pressefreiheit
(taz.de, Steffen Grimberg)
Vergangenes Jahr behinderte die Polizei auf Betreiben des auf traurige Weise berühmt gewordenen „Hutbürgers“ die Arbeit von Journalisten. Hat die Polizei daraus gelernt, gab es mittlerweile ein Umdenken? Leider nicht, wie Steffen Grimberg findet: „Wer meinte, die Vorkommnisse bei der Pegida-Demonstration in Dresden vor knapp einem Jahr hätten für ein grundsätzliches Umdenken gesorgt oder für eine intensivere Auseinandersetzung mit der Presse- und Berichterstattungsfreiheit in den Schulungen der Bundespolizei, liegt leider falsch.“

6. Das passiert, wenn DHL seine Kund*innen um Fan-Fotos bittet
(jetzt.de)
Der Paketzusteller DHL hat einen Fotowettbewerb gestartet: Unter dem Hashtag #DHLFotowettbewerb sollen Menschen ihr „DHL Fanfoto“ posten. Einsendungen gab und gibt es reichlich. Viele von Menschen, die man nicht unbedingt als „DHL Fans“ bezeichnen würde. „Jetzt“ zeigt einige schöne Beispiele einer verunglückten Social-Media-Kampagne.

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(Kein) Türknauf des Todes, Tim K.s Konto, Zu Besuch beim Hetzer

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mi, 07/31/2019 - 08:54

1. Falschmeldung der Polizei auf Twitter: Der Türknauf des Todes kommt vor Gericht
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Die Berliner Polizei behauptete auf Twitter fälschlicherweise, bei der Räumung eines Stadtteilladens habe man gerade noch rechtzeitig festgestellt, dass ein Türknauf unter Strom gesetzt worden sei. Wider besseren Wissens war die Korrektur dieser Falschmeldung erst am nächsten Tag erfolgt und habe dadurch nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit bekommen: „Der Spin der Polizei funktionierte: Der Protest gegen die Räumung des Hauses erschien in einem für die Demonstrierenden negativen und gewalttätigen Licht.“

2. Dortmund: Wegen fehlender journalistischer Sorgfalt kassiert die BILD eine einstweilige Verfügung eines Neonazis
(nordstadtblogger.de, Sascha Fijneman & Alexander Völkel)
„Bild“ beziehungsweise der Verlag Axel Springer SE ist vor dem Landgericht Dortmund dem Sänger einer Rechtsrockband unterlegen. „Bild“ habe behauptet, der Sänger sei Mitglied und Führungskader der als rechtsterroristisch eingestuften Neonazi-Organisation „Combat 18“ („Kampfgruppe Adolf Hitler“): „Da jedoch der Axel-Springer-Verlag seine Behauptungen nicht schlüssig durch Quellen belegen konnte und sogar die jeweiligen Aussagen aus den Quellen noch anders darstellte (also nicht ordentlich bzw. falsch zitiert hat), kritisierte das Gericht die mangelhafte journalistische Sorgfaltspflicht bei der Arbeit der BILD-Zeitung.“

3. Mutmaßlicher Facebook-Hetzer nimmt Stellung zu Gewaltaufrufen
(rbb24.de, C. Huppertz & M. Siepmann, Video: 3:37 Minuten)
Der rbb hat einen mutmaßlichen Facebook-Hetzer zu dessen üblen Gewaltaufrufen befragt. Und das ist auf eine gewisse Weise verstörend: Hier steht kein Neonazi mit Glatze, SS-Tätowierung und schwarzen Klamotten auf der Straße, sondern ein ziemlich normaler Bürger. Der sich ohne echte Einsicht windet zwischen „Hab ich gesagt“, „Hab ich nicht gesagt“ und „Hab ich gesagt, aber anders gemeint“. Immerhin will er wohl bei einem seiner Opfer um Entschuldigung bitten, sein Facebook-Profil habe er mittlerweile gelöscht.

4. Lizenz zum Senden
(sueddeutsche.de, Benedikt Frank)
Da der bestehende Rundfunkstaatsvertrag die neuen Mediennutzungen wie Streaming, Sharing, Gaming, Podcasts und andere Netzangebote nicht ausreichend erfasst, soll ein neuer Medienstaatsvertrag folgen. Die Rundfunkkommission hat vor etwa einem Jahr einen Entwurf veröffentlicht und um Bürgerbeteiligung gebeten. Von dieser Möglichkeit haben über 1200 Personen Gebrauch gemacht. Benedikt Frank fasst den derzeitigen Stand zusammen und erklärt, was es mit der ominösen Rundfunklizenz für YouTuber auf sich hat.

5. Wie breitet sich Parkinson im Körper aus? Wie beeinflussen Flugzeug-Kondensstreifen das Klima? Science Media Newsreel1 No. 55
(meta-magazin.org)
Im Wochenrückblick des „Science Media Center“ geht es um die Forschungsergebnisse, über die in letzter Zeit besonders häufig in den Medien berichtet wurde. Diesmal: Studien über mögliche Ausbreitungswege von Parkinson sowie die Auswirkungen von Kondensstreifen auf die Strahlungsbilanz der Erde.

6. Rassistische Videos: Sparkasse kündigt Konto von Rocker Tim K.
(nw.de)
Der Chef eines Rocker-Clubs sowie rechtslastige Ex-Polizist, YouTuber und Buchautor Tim K. wollte anscheinend Geld für ein Nachrichtenportal sammeln und hat dazu seine private Kontoverbindung verwendet. Nun hat ihm die Sparkasse eben jenes private Girokonto gekündigt, unter anderem wegen eines zu befürchtenden „erheblichen Reputationsschadens“. K. wolle gegen die Kündigung juristisch vorgehen.

„Bild“-Chef befeuert Debatte über Herkunft von Tätern mit Blödsinn

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Di, 07/30/2019 - 16:40

Momentan wird ja eine Menge darüber diskutiert, inwiefern es nötig oder vertretbar oder falsch ist, bei Verbrechen auch direkt über die Herkunft eines Täters oder Tatverdächtigen zu berichten. Julian Reichelt hatte dazu vor vier Tagen auch eine Art Gedanken:

Es ging um einen Vorfall im Düsseldorfer Rheinbad, bei dem Jugendliche unter anderem Rutsche und Sprungturm besetzten, woraufhin die Polizei anrücken und das Bad zum wiederholten Male räumen musste. Zum Tweet des „Bild“-Chefs gehören zwei Screenshots — einer von „RP Online“, einer von WDR.de. Worauf Reichelt sich bezieht: Bei „RP Online“ steht, die Jugendlichen würden aus Nordafrika stammen („Eine Gruppe von ungefähr 60 Jugendlichen, die laut Kettler aus Nordafrika stammen sollen“); WDR.de schreibt, die Herkunft der Jugendlichen sei derzeit unklar („Zur Herkunft der Jugendlichen kann die Polizei im Moment nichts sagen“). Da verschweige und verfälsche die Redaktion des öffentlich-rechtlichen WDR doch was, so Reichelt.

Mal abgesehen von der generell verqueren Logik in seinem Tweet verzerrt der „Bild“-Chef hier die Informationslage: Er vergleicht eine Mutmaßung auf Grundlage von Aussehen durch den Geschäftsführer der Bädergesellschaft Roland Kettler (bei „RP Online“) mit einer offiziellen Aussage der Polizei (bei WDR.de). Außerdem steht auch im Text von „RP Online“:

Die Polizei wollte sich zur Nationalität der Jugendlichen nicht äußern.

Was Julian Reichelt „Verschweigen und Verfälschen“ nennt, ist also nichts weiter, als das Wiedergeben der bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gesicherten, offiziellen Informationen.

Dazu kommt: Reichelt befeuert die Debatte über die Herkunft von Tätern mit Blödsinn, wenn er schreibt, dass die Herkunft der Jugendlichen „so unklar gar nicht zu sein scheint“, und damit meint, dass sie aus Nordafrika kommen dürften. Es ist offenbar nicht so eindeutig, wie er es klingen lässt: Die „taz“ berichtet, dass „alle, deren Personalien aufgenommen wurden“, deutsche Staatsangehörige seien. Eine „nordafrikanische Herkunft liege nicht vor.“ „RP Online“ ergänzt, dass zumindest einer von ihnen „auch die nigerianische Staatsangehörigkeit“ besitze.

Glaubt „Bild“-Chef Julian Reichelt denn ernsthaft, dass uns solch unwissendes und vorschnelles Herumgetwittere vor der AfD bewahrt?

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EuGH zu Afghanistan-Leaks, Falsche Likes, Ballermann-Apokalypse

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Di, 07/30/2019 - 08:54

1. Kein Vertuschen
(taz.de, Christian Rath)
Als die Funke-Gruppe vertrauliche Berichte über die Situation in Afghanistan veröffentlichte, ging die Bundesregierung dagegen juristisch vor und berief sich dabei auf ihr angebliches Urheberrecht. Der Europäische Gerichtshof hat Zweifel, ob es sich bei den „Afghanistan Papers“ um urheberrechtlich einschlägige Werke handelt, und stuft sie eher als „rein informative Dokumente“ ein. Nun müssen die deutschen Gerichte erneut über den Fall entscheiden.
Weiterer Lesehinweis: Arne Semsrott sorgt sich auf netzpolitik.org vor der neuen Entscheidung: „Damit könnte — je nach finalem Urteil des Bundesgerichtshofs — der Staat ermutigt werden, künftig häufiger das Urheberrecht als Mittel der Zensur zu verwenden. Neben dem Verteidigungsministerium nutzten auch das Innenministerium und das Bundesinstitut für Risikobewertung bereits das Urheberrecht, um die Veröffentlichung unliebsamer Berichte zu verhindern.“

2. Analyse enthüllt: Falsche Likes auf Cathy Hummels‘ Instagram-Profil
(t-online.de, Lars Wienand & Martin Trotz & Axel Krüger)
Es ist bekannt, dass man Instagram-Follower kaufen kann, doch nicht nur das: Auf dem grauen Social-Media-Markt lassen sich auch Instagram-Likes erwerben. Mindestens 200.000 dieser Likes sollen auf magische Weise auf Fotos der Influencerin Cathy Hummels heruntergeregnet sein, wie eine Analyse von Social Data Pro ergeben habe.

3. Das Dilemma der Aufdeckung
(deutschlandfunkkultur.de, Anke Schaefer, Audio: 6:34 Minuten)
Der Deutschlandfunk hat sich mit dem irischen Journalisten Derek Scally unterhalten, der einen vielbeachteten und nachdenklichen Artikel über die verstorbene Bloggerin Marie Sophie Hingst verfasst hat. In dem Gespräch wird klar, wie sehr es der Bloggerin, die in Irland lebte, zugesetzt haben muss, dass der „Spiegel“-Artikel über sie auch ins Englische übersetzt worden ist und damit auch in ihrem Gastland lesbar war. Auch die ausführlichen Wikipedia-Einträge über ihre Person, hätten sie sehr belastet.

4. Jetzt wird’s kleinkariert
(djv.de, Hendrik Zörner)
Mit „Jetzt wird’s kleinkariert“ kommentiert Hendrik Zörner die jüngsten Sparmaßnahmen der „Süddeutschen Zeitung“. Dort habe man aus Kostengründen das traditionelle Sommerfest für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgesagt. Außerdem solle den „SZ“-Journalistinnen und -Journalisten der halbe freie Tag am Faschingsdienstag gestrichen werden. Zörner macht eine Gegenrechnung auf: „In den meisten Zeitungsredaktionen liegt die tatsächlich geleistete Arbeitszeit bei 40 bis 45 Stunden pro Woche, also zwischen zehn und 25 Prozent über der tariflich vereinbarten Zeit. Diese Stunden schenken viele Journalisten ihren Verlagen, weil de facto keine Möglichkeit besteht, die Überstunden abzufeiern.“

5. EuGH erlaubt Sam­p­ling
(lto.de)
Man mag es nicht glauben, aber die Musikgruppe Kraftwerk und der Musikproduzent Moses Pelham streiten sich seit 20 Jahren über die Verwendung eines zwei Sekunden andauernden Loops aus einem Kraftwerk-Song. Nun hat der EuGH die Verwendung der Tonsequenz für zulässig erklärt.

6. Ballermann-Apokalypse im ZDF-„Fernsehgarten“
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz, Video: 3:26 Minuten)
Als am Sonntag über dem Gelände des ZDF-„Fernsehgarten“ während der Übertragung ein Gewitter niederging, dachte man, ein gerechter Gott hätte dem Spuk ein Ende bereitet. Doch weit gefehlt: Die Aktivitäten wurden in die Innenräume verlagert, es kam zu einer Verdichtung des Schreckens. Boris Rosenkranz hat das Grauen in einem dreiminütigen Video zusammengeschnitten.

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„Pleite-Iren“? Wer schreibt denn sowas?

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mo, 07/29/2019 - 13:44

Der Vater einer Braut hat zur Hochzeitsfeier seiner Tochter die Bundeskanzlerin eingeladen, und nun konnte Angela Merkel leider nicht persönlich vorbeikommen, sie ließ aber immerhin eine Grußkarte an das Hochzeitspaar schicken und wünschte Braut und Bräutigam alles Gute. Da der Bräutigam 2012, also während der Wirtschaftskrise in Irland, zu einer Gruppe irischer Fußballfans zählte, die bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine mit einem Banner mit der Aufschrift „Angela Merkel thinks we’re at work“ rumlief, ist das alles auch eine Geschichte für die „Bild“-Medien.

In „Bild am Sonntag“ und bei Bild.de leiten sie den Artikel so ein:

Wirtschaftskrise, Immobilienblase, Arbeitslosigkeit und Schuldenlast. Im Sommer 2012 war Irland am Boden, das Land musste EU-Hilfen beantragen, die Einwohner wurden als ­Pleite-Iren verspottet.

Wer ist denn bitte so bescheuert und „verspottet“ die Einwohner eines ganzen Landes, das bereits „am Boden“ liegt, pauschal als „Pleite-Iren“?

Na, wer wohl?





Und dann wären da natürlich noch die vielen, vielen Artikel zu den „Pleite-Griechen“.

Mit Dank an Tihomir V. für den Hinweis!

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Rechte Hassattacken, Zweifel am Zweifel, Weggewischte Skandale

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mo, 07/29/2019 - 08:54

1. „Ich lasse mich nicht einschüchtern“
(spiegel.de, Sophie Madeleine Garbe)
„Ich glaube, es verträgt sich einfach nicht mit dem Weltbild der Rechten, dass es Frauen gibt, die klar und deutlich ihre Meinung vertreten.“ Die bayerische Grünen-Politikerin Katharina Schulze ist besonders häufig das Ziel von AfD-Hassattacken. Im Interview erzählt sie, wie sie mit Hasskommentaren umgeht: „Inzwischen zeige ich alles an. Am Anfang habe ich viele Sachen einfach gelöscht, weil ich dachte, es ist egal oder zu aufwendig. Aber das ist es nicht. Erst wenn Hass in der Statistik sichtbar wird, wird das Problem auch als solches wahrgenommen. Viele Verfahren werden eingestellt. Aber immer mal wieder hat man Erfolg, dann bekommen die Verfasser eine Geldstrafe oder müssen sich entschuldigen. Ich finde das genau richtig, das Internet ist kein rechtsfreier Raum.“
Dazu passend ein weiterer Lesetipp: Im „Tagesspiegel“ spricht Joachim Huber mit dem „Monitor“-Redaktionsleiter Georg Restle über die heftigen Anfeindungen gegen ihn durch Teile der rechtspopulistischen bis rechtsextremen Szene. Anfeindungen, an denen auch der AfD-Chef Jörg Meuthen eine Mitschuld trage: „Wer einen Journalisten wie mich öffentlich als „totalitären Schurken“ bezeichnet, erklärt ihn bei solchen Leuten quasi für vogelfrei. Das gehört ja zur kruden Ideologie dieser Extremisten, dass sie sich bei ihren Taten auf ein übergesetzliches Widerstandsrecht beziehen — und das gilt in deren Denken ganz sicher gegenüber Menschen, die auf diese Art und Weise diffamiert werden. Ich gehe davon aus, dass Herrn Meuthen all dies bewusst ist. Daher halte ich seine Verurteilung der Morddrohung nicht gerade für glaubwürdig.“
In diesem Zusammenhang auch lesenswert: Wir haben mit drei Menschen gesprochen, die auf rechten Feindeslisten stehen (bento.de, Jan Petter & Marc Röhlig).

2. Zweifel am Zweifel
(sueddeutsche.de, Laura Hertreiter)
Die Bloggerin Marie Sophie Hingst ist nach Informationen der „Irish Times“ tot. Hingst waren vor ein paar Monaten allerlei Betrügereien und Fälschungen nachgewiesen worden, vor allem vom „Spiegel“. Der Tod der Bloggerin werfe auch medienethische Fragen auf: Hätten Journalisten erkennen müssen, dass es sich hier um eine Frau in einer Ausnahmesituation beziehungsweise Notlage handelt? „Irish Times“-Reporter Derek Scally hatte sich nach einem Treffen mit Hingst gegen einen Bericht entschieden: „Das war keine News Story. Das war eine sehr aufgewühlte Frau, die Hilfe brauchte.“
Sein nachdenklicher und dem Menschen Hingst nachspürender Text ist unbedingt empfehlenswert: The life and tragic death of Trinity graduate and writer Sophie Hingst
.

3. «Einseitig und fiktiv»
(shaz.ch, Mattias Greuter)
Der Schweizer „Tages-Anzeiger“ berichtete Anfang Juli von einem geschiedenen Vater, der verzweifelt um sein Besuchsrecht kämpft und den Behörden schwere Vorwürfe macht. Nun hat sich die Ex-Frau und Kindsmutter zu Wort gemeldet und legt Informationen vor, die den Konflikt in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen. Doch auch ohne die Stellungnahme der Mutter hätte der „Tages-Anzeiger“ sorgfältiger vorgehen müssen, findet Mattias Greuter: „Der Artikel von Claudia Blumer stützt die Version des Vaters und nimmt keine kritische Hinterfragung vor, die auch ohne eine Stellungnahme der Mutter möglich gewesen wäre.“

4. «Wenn die Demokratie attackiert wird, dann sollen die Medien nicht neutral sein»
(republik.ch Elia Blülle & Nick Lobeck)
Das Schweizer Onlinemagazin „Republik“ hat sich mit dem US-amerikanischen Journalismus-Professor und Medienforscher Jay Rosen unterhalten. In dem Interview geht es auch um Objektivität im Journalismus und die sogenannte „False Balance“: „Wenn Objektivität heisst, die Unter­stützer sagen das, die Kritiker dies, und ich habe keine Ahnung, was die Wahrheit ist, dann habe ich damit ein Problem.“

5. „Medienwandel schreckt schnell ab“
(taz.de, Peter Weissenburger)
Die „taz“ hat mit der Kommunikationswissenschaftlerin Julia Lück über Diversität in Redaktionen gesprochen. Das Problembewusstsein sei hoch, so die Forscherin, es sei jedoch nicht allein mit Einstellungsprogrammen zu bewältigen: „Wenn man unterschiedlichste Leute in der Redaktion hat, aber alles andere so macht wie immer, dann geht Vielfalt unter, in den etablierten Strukturen, in den Blattlinien, den Deadlines. Da muss man sich dann überlegen, wie man Vielfalt im Arbeitsalltag leben will. Sonst wird es für die Leute mit diverserem Hintergrund schnell frustrierend.“

6. Silberstein-Skandal, Ibiza-Gate oder die Schredder-Affäre: Warum wir Skandale wegwischen
(derstandard.at, Walter Müller)
Walter Müller fragt sich im „Standard“, warum die österreichischen Skandale so wenig Auswirkungen auf Wählervolk und Wählerverhalten haben. Ein Grund könnte in gruppenpsychologischen Effekten liegen, ein anderer in der Schnelligkeit des medialen Karussells: „Das Tempo des Newsflows killt die Bedeutung der Nachricht. Die News werden durchs Netz gejagt, was am Vormittag noch ein Skandal war, ist am Nachmittag eine Randnotiz. Das Gewicht der Nachricht nimmt im Sekundentakt ab. Für Leser, Hörer, User entschwindet die Orientierung bezüglich dessen, was wirklich wichtig, was wirklich von gesellschaftspolitischer Relevanz ist. Speed kills the message. Was natürlich die Tür für auf die eigene Gruppe zurechtgeschnittene Botschaften weit aufmacht. Denen wird vertraut.“

Stammtischjournalismus ohne Recherche

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Fr, 07/26/2019 - 14:37

Nach den rassistisch motivierten Schüssen auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach, bei denen das Opfer lebensgefährlich verletzt wurde, haben „Bild“-Reporter die Stammkneipe des Täters im Nachbarort besucht, mit dem Wirt gesprochen und gleich mehrere Artikel veröffentlicht:




(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

In dieser Kneipe soll Täter Roland K. mehrmals angekündigt haben, jemanden umbringen zu wollen, auch am Tattag, bevor er aus dem „Martinseck“ loszog und auf den Eritreer schoss. Bei der Polizei meldete das niemand, auch nicht der Wirt, dem die „Bild“-Medien nun eine Menge Platz geben, sich zu rechtfertigen. Immerhin „kursieren Gerüchte“, er „würde die Tat dulden.“

Und so kann der Wirt erzählen, was für ein bunter Haufen das doch in seiner Kneipe so sei:

30 Prozent von Dirks Gästen sind Ausländer: „Ob meine Gäste schwarz oder grün sind, blonde Haare oder braune Locken haben, ist mir egal. Hauptsache, sie zahlen und pöbeln nicht.“

Und die Gäste, die zum türkischen Vorbesitzer gegangen sind, kämen ja auch weiter zu ihm:

Vor vier Jahren hat Dirk „Zum Martinseck“ übernommen, von einem Türken: „30 Jahre war die Kneipe in türkischer Hand. Die Gäste von damals kommen heute noch.“ Morgens kommen Rentner, Urlauber. Ab halb fünf Lkw-Fahrer, Bauarbeiter nach der Schicht. Krach gab’s noch nie: „Meinungsverschiedenheiten ja. Ich lasse jedem seine Meinung. Wenn es extrem wird, wird er rausgeschmissen.“

Das, was Roland K. gemacht hat, finde der Wirt auch „nicht gut“:

Er sagte zu BILD: „Ganz deutlich, ich bin kein Nazi. Ich verabscheue die Tat aufs Schärfste. Er hat einen unschuldigen Menschen fast umgebracht, das kann man nicht gut finden. Das ist das Allerletzte.“

Und „Nazi-Sprüche“? Nee, die hätte er nicht geduldet:

Wenn Roland K. hier war, war er eher ruhig: „Wir haben eigentlich nur über Essen geredet. Er war ja Metzger, hat das gelernt, ich hab auch ’ne Metzgerlehre gemacht, das war unsere Basis. Roland fiel nie durch Nazi-Sprüche oder sowas auf, das hätte ich nicht geduldet.“

Mit dem Willen zu fünf Minuten Recherche hätten die „Bild“-Leute mal auf die öffentliche Facebook-Seite des Wirtes gucken können. Und dort hätten sie nach etwas scrollen — denn zugegeben: die Posts liegen schon einige Jahre zurück — entdecken können, dass der Wirt „Nazi-Sprüche“ selbst verbreitet hat. Etwa diesen hier von der Neonazi-Partei NPD:

Er macht auch ganz gern mal Stimmung gegen „die Fremden“:

Reichsbürgerhaft sei „für die BRD kein Platz mehr“:

Zudem würden „immer mehr Ausländer hier angesiedelt“:

Außerdem: „DEUTSCH SEIN IST KEIN VERBRECHEN!“:

Und Angela Merkel und Joachim Gauck könnte man auch mal ganz gut aus dem Flugzeug „hinunterwefen“, dann „freut sich ganz Deutschland“:

Natürlich können Menschen ihre Ansichten nach Jahren geändert haben (sollte das so sein, könnten sie allerdings auch alte NPD-Reichsbürger-die-Fremden-kriegen-alles-und-wir-nix-Posts von ihrer Facebook-Seite löschen). Es wäre jedenfalls etwas gewesen, mit dem die „Bild“-Reporter den Wirt hätten konfrontieren können, anstatt ihn unwidersprochen von seiner angeblichen Multikulti-Kneipe erzählen zu lassen. Hätte man mal vorher recherchiert.

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Letztes Geschäft, Drölfzig Studientote, Konsensverschiebung

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Fr, 07/26/2019 - 08:54

1. „Letztes Geschäft im Existenzkampf einer Zeitung“
(deutschlandfunk.de, Michael Bürgers)
„Warum berichtet „Bild“ über die Speiseplan-Änderung in zwei von 56.000 Kitas in Deutschland?“, fragte der frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz auf Twitter und war mit dieser Frage nicht allein. Auch wir befassten uns hier im BILDblog mit der Thematik. Der „Deutschlandfunk“ hat unter anderem mit dem Politikberater und ehemaligen „Bild am Sonntag“-Chef Michael Spreng über den Fall gesprochen. Man könne laut Spreng den „Existenzkampf einer Zeitung, ein letztes Geschäft zu machen“, erleben. Sein ehemaliger Arbeitgeber sei zur „Vorfeldorganisation der AfD“ geworden.

2. Nachbeben
(sueddeutsche.de, Adrian Lobe)
Immer mehr Redaktionen bedienen sich automatisierter Schreibprogramme, doch der sogenannte Roboterjournalismus hat seine Tücken. So rutschte der „LA Times“ 2017 eine Falschmeldung von einem Erdbeben in Los Angeles durch, das eigentlich 92 Jahre zuvor stattgefunden hatte. Auch im Wirtschaftsjournalismus vertraut man zunehmend den automatisierten Meldungen. Auch hier können Fehler dramatische Folgen haben: „Kaum vorstellbar, was passieren würde, wenn ein Nachrichtenscanner an der Börse die Falschmeldung eines Schreibroboters verarbeiten würde — und infolgedessen der Aktienkurs einbricht. Im Hochfrequenzhandel führen sogenannte Algo-Trader Transaktionen in Mikrosekunden aus. So schnell, wie diese Maschinen operieren, kann keine Meldung korrigiert werden.“

3. Taten und Worte
(zeit.de, Christian Fuchs)
Christian Fuchs schlägt einen historischen Bogen vom Rechtsextremismus der Neunziger bis in die Jetztzeit mit dem Aufstieg der Neuen Rechten. Deren Strategen würden an einer Konsensverschiebung arbeiten und sich dabei eines Medien-Ökosystems aus mehr als 35 Zeitungen, Blogs, Magazinen, YouTube-Kanälen und einem Radiosender bedienen. Fuchs kennt sich in diesem Bereich besonders gut aus und hat mit Paul Middelhoff das Buch „Das Netzwerk der Neuen Rechten“ verfasst. Sein Appell: „Gewaltverherrlichende, einschüchternde und abwertende Äußerungen dürfen nirgends unwidersprochen bleiben. Wenn Politiker und Bürger nicht klare Kante gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit zeigen, werden die Schüsse von Wächtersbach und Kassel nicht die letzten gewesen sein.“

4. Worte als Taten
(kontextwochenzeitung.de, Rainer Jedlitschka)
In der Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ geht es um NS-Belastete aus dem heutigen Baden-Württemberg. Ein Kapitel des zuletzt erschienenen Bands widmet sich Giselher Wirsing, dem Star-Journalisten des „Dritten Reichs“. „Kontext“ veröffentlicht das gekürzte Kapitel über den Mann, dessen Karriere nach dem Krieg als Chefredakteur von „Christ und Welt“ weiterging.

5. Kann eine Ex-AfDlerin uns wirklich etwas über Meinungspluralität beibringen?
(jetzt.de, Berit Dießelkämper)
„Funk“ nennt sich das Bündel von öffentlich-rechtlichen Youtube-Kanälen für junge Leute. Seit vier Monaten bespielt dort auch Ex-AfDlerin Franziska Schreiber ihren eigenen Kanal und hat es auf immerhin 15.000 Abonnenten gebracht. Ein Format, das die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Berit Dießelkämper für problematisch hält: „Braucht es wirklich eine ehemalige Anti-Demokratin, um uns Pluralismus zu lehren? Und vor allem: Ist das überhaupt Pluralismus?“

6. Drölfzig Menschen sterben jedes Jahr beim Lesen von Studien
(blog.wdr.de, Dennis Horn)
In den Jahren 2011 bis 2017 soll es laut einer indischen Studie 259 „Selfie-Tote“ gegeben haben. Eine Meldung, die in den Sozialen Medien vom beömmelungssüchtigen Publikum mit allerlei Spott kommentiert wurde. Dennis Horn hat die Zahl in Relation gesetzt und kommt zu einem anderen Ergebnis: „Fast 0 Prozent aller Selfie-Aufnahmen gehen tödlich aus.“

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Kurz ruft an, Märchenhaftes Marketing, RTLs vorläufige Bilanz

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Do, 07/25/2019 - 08:54

1. „Kurz ruft auch höchstpersönlich an“
(sueddeutsche.de, Oliver Das Gupta)
Helmut Brandstätter war bislang Herausgeber der österreichischen Tageszeitung „Kurier“, doch er hat seinen Vertrag vorzeitig beendet. Langeweile wird vorerst nicht aufkommen: In wenigen Tagen erscheint sein Buch „Kurz & Kickl – Im Spiel mit Macht und Angst“. Darin berichtet Brandstätter, wie die österreichische Regierung Medien unter Druck setze: „Die Methode Kurz lautet: Wir machen die Schlagzeilen selbst. Sein Team hält eigenständigen Journalismus eher für überflüssig. Stattdessen erzeugen Kurz‘ Presseleute Geschichten und Fotos, damit die Botschaften so dargestellt werden, dass es der Volkspartei nützt. Kurz ruft auch persönlich in Redaktionen an. In einem Fall hat Kurz bei einer Nachrichtenagentur angerufen und wollte, dass der Redakteur den Zwischentitel seines Textes ändert.“

2. Facebook zahlt fünf Milliarden Dollar Bußgeld
(spiegel.de, Patrick Beuth)
Der Cambridge-Analytica-Skandal kommt Facebook, zumindest in den USA, teuer zu stehen: Die US-Handelsaufsicht hat sich in einem Vergleich mit dem Unternehmen auf ein Bußgeld in Höhe von fünf Milliarden Dollar geeinigt. Nun wolle Facebook „das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen“.

3. Burda entlässt komplette Redaktion
(djv.de, Hendrik Zörner)
Das Medienhaus Burda lässt zukünftig die Inhalte der Fernsehzeitschrift „TV Spielfilm“ von einem externen Dienstleister erstellen und hat der gesamten Redaktion „betriebsbedingt“ gekündigt. Der Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes Frank Überall kritisiert das Vorgehen: „Wer seine Kernkompetenz an Dienstleister auslagert, geht einen journalistisch falschen und wirtschaftlich gefährlichen Weg“.
Apropos Burda: Der „Topf voll Gold“ fragt auf Twitter aus Gründen: „Vielleicht müssen wir einfach mal so direkt fragen, @burda_news: Was seid Ihr eigentlich für ein armseliger Haufen?“

4. Märchenhaftes Marketing
(boersenblatt.net, Michael Roesler-Graichen)
Die Stiftung Lesen will in einer Allianz mit Amazon, Thalia und Hugendubel eine Million Märchenbücher verschenken. Eine Aktion, die im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels kritisiert wird, weil sie den unabhängigen Buchhandel außen vor lasse: „Warum muss ein erklärter Monopolist wie Amazon das Märchen-Verschenkbuch in seinem eigenen Imprint (Tinte & Feder) produzieren und es zugleich selbst vertreiben? Weshalb schließen sich Thalia und Hugendubel, die sonst immer für die Diversität im Buchhandel eintreten, dieser Aktion an, bei der sie sich zu Helfershelfern ihres größten Konkurrenten machen?“

5. RTL zieht vorläufige Bilanz nach umfangreichen Überprüfungen
(kommunikation.mediengruppe-rtl.de)
Als RTL vor etwa sechs Wochen von einem Betrugsfall im eigenen Haus berichtete, war noch von sieben gefälschten beziehungsweise manipulierten Beiträgen die Rede. Nun habe man 14 weitere Manipulationsfälle aufgedeckt. In einer Presseerklärung beschreibt RTL, nach welchen drei wiederkehrenden Mustern der Reporter bei den Betrügereien vorgegangen sei.

6. FC Sion: «Reporter ohne Grenzen» greift in Sion-Posse ein
(nau.ch, Mathias Kainz)
Weil dem Schweizer Fußballclub FC Sion die Berichterstattung nicht passt, hat er die Sportjournalisten der Walliser Tageszeitung „Le Nouvelliste“ mit einem Bann belegt. Dagegen wendet sich nun auch Reporter ohne Grenzen.

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Schweinische Lüge

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mi, 07/24/2019 - 21:19

Falls es jemand nicht mitbekommen haben sollte: Ein privater Kita-Träger hatte sich dazu entschlossen, beim Mittagessen kein Schweinefleisch mehr anzubieten. Die „Bild“-Redaktion machte aus dieser Kleinigkeit, die, wenn überhaupt, für eine Lokalzeitung von Interesse gewesen wäre, eine Riesennummer auf Seite 1, andere Medien sprangen auf, rechte Hetzer übernahmen das Thema, es gab eine Menge Hass und Drohungen gegen die zwei betroffenen Kitas. Aufgrund dieser ganzen Ereignisse setzte die Kita-Leitung ihre Entscheidung aus und will sie bei den nächsten Elternabenden besprechen.

Damit hatte sich das Thema für „Bild“ allerdings noch nicht erledigt. Der stellvertretende Chefredakteur Timo Lokoschat legt heute noch einmal nach:

Den „Leiter der Leipziger Kita“ — also den Mann, der sich aktuell mit Drohungen von rechten Spinnern rumschlagen muss — bezeichnet Lokoschat als „überengagierten Bessermenschen“ und schreibt:

Schweinefleisch und Gummibärchen sollten künftig tabu sein. Und: Statt Weihnachts- und Ostercafé standen plötzlich nur Ramadan und Zuckerfest auf dem Themenplan der Kita.

Die Behauptung, dass Schweinefleisch und Gummibärchen in den zwei Kitas „künftig tabu sein“ sollten, also: verboten, hält sich hartnäckig. Tatsächlich wollte die Kita-Leitung künftig schlicht kein Schweinefleisch mehr fürs Mittagessen bestellen. Wenn Eltern wollen, dass ihre Kinder in der Kita Würstchen essen oder gelatinehaltige Gummibärchen naschen, dann können sie ihren Kindern nach wie vor Würstchen oder gelatinehaltige Gummibärchen mitgeben. Ein Verbot von Schweinefleisch gibt es nicht.

Und auch, dass „statt Weihnachts- und Ostercafé (…) plötzlich nur Ramadan und Zuckerfest auf dem Themenplan der Kita“ stünden, hat sich Lokoschat ausgedacht. Der Terminkalender der Kitas sah schon immer und sieht auch jetzt Feste und Thementage aller möglichen Religionen vor: christliche, jüdische, hinduistische, muslimische. Das „nur“ in Lokoschats Satz ist genauso falsch wie das „plötzlich“.

Tatsächlich wurde den Eltern heute ein neuer „Jahresplan“ für die zwei Kitas zugeschickt. Und tatsächlich gibt es dort zwei auffällige Änderungen: Der eingetragene Termin am 6. Dezember 2019, der bisher „ElternCafe“ hieß, heißt in der heute rumgeschickten Version „Nikolausfeier“. Und der Termin am 7. April 2020, der bisher ebenfalls „ElternCafe“ hieß, heißt nun „Oster Cafe“. Ein Vater sagte uns allerdings, dass im vergangenen Jahr auch schon Nikolaus und in diesem Jahr auch schon Ostern gefeiert wurde (was sonst wird wohl am 6. Dezember und an einem Tag in der Karwoche gefeiert?).

Was Lokoschat verschweigt: Sowohl in der alten Version des „Jahresplans“ als auch in der neuen ist für den 11. November, den Martinstag, ein sehr christliches Martinsfest eingetragen. Am 13. September soll es ein chinesisches Mondfest geben (zum Hintergrund: eine der beiden Einrichtungen heißt „Konfuzius Kindergarten“). Am 26. Januar soll in den Kitas das chinesische Neujahr gefeiert werden. Am 24. Februar Fasching. Und am 17. Juli das Zuckertütenfest für die Kinder, die sich Richtung Grundschule aufmachen. Wie gesagt: alles sowohl im alten als auch im neuen „Jahresplan“. Was es weder in der einen noch in der anderen Version gibt: ein Feier zu einem muslimischen Fest. Dafür gibt es einen Eintrag zu Bayram, also zum muslimischen Zuckerfest. Allerdings soll das in den Kitas nicht gefeiert werden — es soll ein Thementag dazu stattfinden: für den 25. Mai ist im alten wie im neuen Kalender „Thementag Bayram“ vermerkt. Genauso sollte es in den Kitas schon immer Thementage zum jüdischen Sukkot und zum hinduistischen Diwali geben. Zum muslimischen Ramadan gibt es erst in der neuen Version des „Jahresplans“ einen Thementag; im alten waren lediglich der Beginn und das Ende des Fastenmonats als Termine vermerkt. Ein Vater sagte uns, dass die Kinder an den Thementagen nicht teilnehmen müssen. Sie können stattdessen auch spielen oder malen.

Wenn der stellvertretende „Bild“-Chefredakteur Timo Lokoschat also schreibt, dass „plötzlich nur Ramadan und Zuckerfest auf dem Themenplan der Kita“ stehen, obwohl er wissen muss, dass das nicht stimmt, schließlich scheint ihm der „Themenplan der Kita“ vorzuliegen, dann ist das eine glatte Lüge.

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„Operation Reisswolf“-Video, Geschmacklos, Newsroom-Klimbim

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mi, 07/24/2019 - 08:54

1. Die Wahrheit über die Operation Reisswolf
(youtube.com, Falter, Video: 4:43 Minuten)
Die „Falter“-Redaktion hat das Video zur „Operation Reisswolf“ ausgegraben: „Sehen Sie hier exklusiv, wie ein enger Mitarbeiter von Sebastian Kurz mit Fake-Accounts und falschem Namen 5 Festplatten des Bundeskanzleramts vernichtete.“
Dazu auch: Geheimoperation Reißwolf (sueddeutsche.de).

2. „Finden Sie das nicht geschmacklos?“
(cicero.de, Bastian Brauns)
Beim ARD-Sommerinterview mit dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner stellte die Interviewerin eine Frage, die Lindner schlicht mit „Geschmacklos!“ beantwortete. In der Schnellfragerunde hatte ARD-Moderatorin Tina Hassel Lindner die Wahl gelassen zwischen „Lieber Vermögenssteuer oder gleichaltrige Freundin?“. Als sich Lindner über die Art der Fragestellung beschwerte, verteidigte sich Hassel damit, dass es sich um eine Zuschauerfrage handele und sie „Anwalt“ der eingehenden Fragen sei. Bastian Brauns erklärt, was an der Frage alles falsch ist.

3. Newsroom-Klimbim
(journalist-magazin.de, Olaf Wittrock)
Bundestagsfraktionen und Parteizentralen muss es wie ein herrlicher Traum vorkommen: Wie schön müsste es sein, wenn man die lästigen Journalistinnen und Journalisten abschütteln könnte und mittels eines eigenen Newsrooms die Berichterstattung lenken könnte? Eine Art Trendsetter ist ausgerechnet die AfD, die dies schon lange angekündigt und dafür angeblich 20 Planstellen geschaffen hat. Olaf Wittrock erklärt, inwieweit die Hoffnungen der Parteien auf die eigenen Nachrichtenzentralen berechtigt sind und inwieweit nicht.

4. Liebe Parlamente: Dass kleineanfragen.de stirbt, ist auch eure Schuld
(netzpolitik.org, Anna Biselli)
Wenn die Dokumentationsseite kleineanfragen.de stirbt, stirbt auch ein kleines Stück Demokratie. Seit fünf Jahren wurde auf der Plattform alles zusammengetragen, was die Parlamentarier aus den Bundes- und Landesparlamenten so wissen wollten. Ende 2020 steht nun das traurige Ende der Seite bevor. Der Grund: „Es fehlt auf Seiten der Parlamente und Verwaltungen an Konsistenz, an einheitlichen Standards und am Wille, etwas Kompatibles und Langfristiges zu schaffen. Es ist eine Sisyphosarbeit, die Informationen zugänglich zu machen. Ein einzelner Mensch, der das bei kleineanfragen.de ehrenamtlich leistete, kann das nicht schaffen.“

5. Die Angst vor dem Wort „Rassismus“
(taz.de, Carolina Schwarz)
Carolina Schwarz hat sich die Medienberichterstattung über einen Angriff auf einen Eritreer in Hessen angeschaut und kritisiert das dabei verwendete Vokabular: „Dass verschiedene Medien den brutalen Vorfall vermelden, ist richtig, doch ihre Wortwahl ist falsch. Bei den Schüssen auf den Eritreer handelt es sich nicht um ein fremdenfeindliches, sondern um ein rassistisches Motiv. Und das ist ein großer Unterschied.“

6. Neue Vorwürfe gegen Spiegel TV wegen Saarbrücken-Film
(saarbruecker-zeitung.de, Niklas Folz)
Die Stadt Saarbrücken hat sich über den „Spiegel TV“-Beitrag „Saarbrooklyn – Der Randbezirk der Gesellschaft“ geärgert und bei der zuständigen Medienanstalt Beschwerde eingelegt. Der Fernsehbeitrag sei extrem einseitig und verzerrt. Außerdem habe man der Stadt nicht die Gelegenheit gegeben, sich zu den angeblichen Missständen zu äußern. Weiterhin habe das TV-Team einen „überaus verantwortungslosen Umgang“ mit Drogenabhängigen an den Tag gelegt.

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„Bild“ zieht wieder in den Schnitzelkrieg

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Di, 07/23/2019 - 21:47

In Leipzig mussten heute zwei Kitas unter Polizeischutz gestellt werden.*

Um mögliche Gefahren abzuwehren, stehe ein Polizeiauto vor den beiden benachbarten Einrichtungen, sagte ein Sprecher am Dienstag.

Hintergrund ist, dass in den Kitas kein Schweinefleisch mehr angeboten werden soll.

So schrieb es Bild.de heute am Nachmittag, aber das ist nicht richtig. Denn Schweinefleisch wird in den Kitas schon seit über einer Woche nicht mehr angeboten, Bescheid wissen die Eltern darüber noch länger. Drohungen gab es in dieser Zeit keine, Polizeischutz erst recht nicht.

Erst heute musste die Polizei eingeschaltet werden. Und wem sei Dank? Genau:

Bratwurst, Bulette oder Schnitzel — viele Kinder wollen nichts anderes. Doch die Jungen und Mädchen zweier Kitas in Leipzig müssen ab sofort auf ihre Lieblingsspeisen verzichten. Schweinefleisch verboten!

Das ist schon insofern interessant, als eine von „Bild“ selbst in Auftrag gegebene Umfrage zu den Lieblingsspeisen von Kindern mal ergab:

Von wegen Kinder mögen nur Pommes und Hamburger. Am liebsten essen sie Spaghetti und Nudeln. (…) Am zweitliebsten essen sie Hähnchen (11 %) und Pizza (ebenfalls 11 %).

Aber gut, das hätte ja nicht so schön zum Skandal gepasst. Der laut „Bild“ übrigens wieder mit wem zu tun hat? Natürlich: den bösen Moslems!

Weil unter den 300 Kindern auch zwei muslimische Mädchen sind, gelten ab sofort andere Regeln — auch Gummibärchen sind jetzt tabu.

Tatsächlich taucht in der E-Mail, mit der die Eltern über die Essensplanänderung informiert wurden, nicht ein einziges Mal das Wort „Muslime“ auf. Bei Facebook schreibt ein Vater, dessen Sohn in eine der betroffenen Kitas geht:

Unser Kindergarten tut dies aus Respekt gegenüber anderen Religionen. Damit sind nicht nur Muslime gemeint, sondern auch Juden oder Buddhisten.

Und:

Wir als Eltern haben überhaupt kein Problem damit. Uns ist nur wichtig, das unser Sohn immer genug Essen bekommt und es natürlich frisch sein soll. Es geht hierbei um eine von drei Mahlzeiten täglich. Mehr nicht. (…) Wir finden es gut. Punkt.

Auf die Frage eines anderen Facebooknutzers, ob es denn stimme, „dass wegen zwei muslimischen Kindern die restlichen 298 Kinder auf Schnitzel und Gummibärchen verzichten dürfen“, antwortet er:

Nein das stimmt nicht! Auch weiterhin dürfen die Kinder privat Schnitzel und Gummibärchen essen und das so viel und so oft sie wollen! Die Kinder essen generell nicht jeden Tag Fleisch dort.

Wir haben bei dem Vater noch einmal nachgefragt, und er bestätigte uns: Sollten Eltern es wollen, könnten sie dem Sohn oder der Tochter auch ein Schnitzelbrötchen oder eine Salamistulle mitgeben — alles kein Problem.

Doch solche Fakten interessieren „Bild“ freilich nicht, und so zog die skandalisierte Geschichte sofort ihre Kreise durch die gewohnten Ecken:







Unter diesen Facebook-Posts: Tausende Kommentare, voller Wut und Hass. Und auch unter dem Facebook-Post der „Bild“-Redaktion gab es Tausende Kommentare, genauso voller Wut und Hass. „Bild“-Leser packten etwa den alten NPD-Slogan aus: „Heute tolerant, morgen fremd im eignen Land“.

Und der Hass der selbsternannten Abendlandverteidiger ging noch weiter:

„Wir bekommen Drohungen“, erklärte ein Mitarbeiter des Rolando-Toro-Kindergartens am Dienstagvormittag gegenüber der LVZ. Weiter wolle er sich nicht äußern. In der Einrichtung stünden die Telefone nicht mehr still.

Dass das alles so eskalierte, ist zum Teil auch das Verdienst von Ralf Schuler, der bei „Bild“ das Parlamentsbüro leitet. Er kommentierte heute:

Wenn wegen zwei muslimischen Kindern alle anderen ihre Ernährung umstellen sollen, wird Minderheitenschutz zur Mehrheitsverachtung.

Um es klar zu sagen: Von Kasseler & Co. hängt bei uns nicht das Seelenheil ab.

Und weil das ja eigentlich alles nicht so wirklich bedeutend ist, packt Schulers Redaktion in der Sache den größten Hammer aus, der in ihrem Werkzeugkeller liegt, und jazzt auf der Titelseite eine für das Land völlig unbedeutende Entscheidung von zwei (!) Kitas zu einem nationalen Skandal hoch, auf den zahlreiche weitere Medien blindlings aufspringen und der am Ende dazu führt, dass vor den Kitas Polizeiwagen* stehen müssen.

Als wäre es mit „elementaren demokratischen Prinzipien“ nicht vereinbar, dass ein privater Kita-Träger aus Rücksichtnahme freiwillig entscheidet, den Kindern kein Schweinefleisch aufzutischen — was viele Kitas deutschlandweit sowieso schon lange so handhaben, ohne dass es die „Bild“-Zeitung je gestört hätte –, schreibt Schuler von einem „Minderheiten-Diktat“:

Nicht nur elementare demokratische Prinzipien werden durch dieses Minderheiten-Diktat außer Kraft gesetzt, sondern auch die Trennung von Religion und Staat. Das Schnitzel mag verzichtbar sein, die Grundregeln unseres Zusammenlebens sind es nicht!

Dieser Ralf Schuler, der hier so sehr um die „Trennung von Religion und Staat“ besorgt ist, ist der gleiche Ralf Schuler, der in seinem aktuellen Buch ein Kapitel geschrieben hat, das heißt: „Zurück zu den Wurzeln: Das christliche Kreuz gehört in der Politik dazu“.

Die Kita-Leitung hat die Entscheidung, auf Schweinefleisch zu verzichten, übrigens inzwischen ausgesetzt. Man wolle das Thema beim „ersten Elternabend im neuen Kitajahr“ besprechen.

*Nachtrag/Korrektur: Zum Polizeischutz gibt es widersprüchliche Angaben. Die „LVZ“ berief sich heute Nachmittag auf einen Behördensprecher, der gesagt habe, vor den Kitas stehe ein Polizeiwagen. Die Polizei Sachsen twitterte jedoch:

Siehe auch:

Organisierte Unkenntnis, Polizeikatze, Sommershow zum Selberbasteln

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Di, 07/23/2019 - 08:54

1. Organisierte Unkenntnis
(djv.de, Hendrik Zörner)
Immer wieder werden Journalistinnen und Journalisten bei Demonstrationen von der Polizei an ihrer Arbeit gehindert, indem man ihnen zum Beispiel den Zugang verwehrt. Bei einer Neonazi-Demo hat es erneut den freien Journalisten Arndt Ginzel getroffen, der den Vorfall auf Twitter mit einem Video dokumentiert hat. Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband kommentiert: „Was ist eigentlich die Unterschrift der Innenminister auf der Rückseite des Presseausweises wert? Welche Bedeutung hat die Aufforderung, Behörden sollten die Arbeit der Presse erleichtern, ihnen Auskünfte und Zugänge geben? Die Unkenntnis der Polizisten vor Ort zeigt, dass wichtige Informationen und Absprachen wie etwa die zum Presseausweis aus den Ministerbüros nicht dahin weitergegeben werden, wo sie hin gehören: an die Polizeidienststellen.“

2. Klage gewonnen gegen BAMF: Hier ist der McKinsey-Report zu Abschiebungen
(fragdenstaat.de)
Dank einer gewonnenen Klage des Transparenzportals „Frag den Staat“ gegen das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), kann nun McKinseys Report zu Abschiebungen veröffentlicht werden. Hintergrund: Das BAMF hatte sich von der Firma McKinsey beraten lassen und dafür insgesamt 47 Millionen Euro gezahlt. Allein das oben erwähnte Gutachten habe 1,9 Millionen Euro gekostet (auf solche Summen kommt man, wenn man als Behörde externen Beratern Tagessätze von 2.700 Euro bezahlt).

3. „Wir brauchen keine Frauenquote bei Kriminalromanen“
(welt.de, Elmar Krekeler)
Thomas Wörtche wird gerne als Deutschlands „Krimi-Papst“ bezeichnet. Im Interview mit der „Welt“ erklärt Wörtche den Unterschied zwischen „Grimmi“ und „Krimi“, erzählt von seiner literarischen Einstiegsdroge und erläutert, warum der Serienkiller immer noch nicht out ist. Außerdem hat er ein paar schöne Beispiele für die Tücken historischer Kriminalromane parat: „Ich hatte mal Schamanenkrimis auf dem Schreibtisch, da fragt dann irgendwann der Schamane: „Um wie viel Uhr?“ Ich mag auch Mittelalter- oder Antikenkrimis, in denen „In fünf Minuten greifen wir an“ gesagt wird.“

4. Katzenfilter macht Polizei-Pressekonferenz zur Lachnummer
(spiegel.de)
Eine besonders unangenehme Panne passierte während der Facebook-Videoübertragung einer Pressekonferenz der kanadischen Polizei zu einem Doppelmord: Ein aktivierter Video-Effekt zeigte die Polizeisprecherin während des Live-Videos mit Katzenohren.

5. Die Frauenoffensive
(taz.de, Johannes Kopp)
Zum „Sportschau“-Kommentatorenteam für die kommenden Saison der Fußball-Bundesliga zählen 17 Männer und seit Neuestem eine Frau. Ein Beispiel, das Schule machen sollte, findet Johannes Kopp. Er wünscht sich mehr Mut von den Verantwortlichen: „Die Sender sollten nicht trotz, sondern wegen des Shitstorms von männlichen TV-Zuschauern ihre Kommentatorenteams um mehr Frauen erweitern.“

6. Sommershow zum Selberbasteln: Bei RTL startet „Das Sommerhaus der Stars“ – sieben Regeln für ein erfolgreiches Trashformat
(haz.de, Imre Grimm)
Heute startet die vierte Staffel des RTL-Trash-Formats „Das Sommerhaus der Stars“. Du bist Programmchef eines deutschen Privatsenders und brauchst ebenfalls einen trashigen Lückenfüller für das Sommerloch? Imre Grimm zeigt Dir mit sieben einfachen Regeln, wie Beömmelungs- und Fremdschämfernsehen funktioniert. Erfolg garantiert!

Die Radwegkosten neu erfinden

Deutschland Aktuelle Nachrichten - Mo, 07/22/2019 - 21:28

Da kann die Haselmaus noch so süß gucken — in „Bild“ gab’s am vergangenen Freitag mal wieder was zum Blutdruckerhöhen:

Seit 13 Jahren wird er gebaut, fertig ist er noch lange nicht. Aber vor allem ist der neue Radweg am Rhein, der Lorchhausen und Rüdesheim (Hessen) verbinden soll, der wohl teuerste Radweg aller Zeiten: 10 Mio. Euro pro Kilometer!

11,3 Kilometer soll dieser Radweg an der Bundesstraße 42 lang sein, wenn er einmal fertig ist, und laut „Bild“ 115 Millionen Euro kosten. Daraus errechnet die Redaktion die durchschnittlichen Kosten pro Kilometer, die sie auch schon auf der Titelseite nennt:

Aber ob nun auf Seite 1, in der Überschrift im Blatt oder im Artikel: Die Aussage stimmt so nicht. Denn die Gesamtkosten von 115 Millionen Euro beziehen sich auch auf den Bau des Rad- und Fußwegs, aber nicht nur. Das steht auch gewissermaßen im „Bild“-Text:

Laut Hessischem Verkehrsministerium entstehen die Kosten „nicht allein durch den Radweg, sondern durch die Gesamtmaßnahme.“

Allerdings endete die zitierte Aussage eines Sprechers des hessischen Verkehrsministeriums, die dieser den „Bild“-Autoren per E-Mail geschickt hatte, gar nicht mit einem Punkt hinter „Gesamtmaßnahme“ — sie geht noch weiter, wie uns dieser Sprecher auf Nachfrage mitteilte. Er habe der „Bild“-Redaktion geschrieben:

Die Kosten entstehen nicht allein durch den Radweg, sondern durch die Gesamtmaßnahme: Sie umfasst die Verbreiterung der Bundesstraße, die bessere Kurvenführung und den Radweg.

In den 115 Millionen Euro stecken also auch Kosten für den Ausbau und die Erneuerung der Bundesstraße, die gar nicht von den Radfahrern und Fußgängern genutzt wird, sondern von Autofahrern. So steht es auch in einer Pressemitteilung des Ministeriums zur Fertigstellung des zweiten von insgesamt drei Bauabschnitten auf der Strecke.

Dennoch haben es die vermeintlichen Kosten von 10 Millionen Euro pro Kilometer Radweg auch in den Kommentar des stellvertretenden „Bild“-Chefredakteurs Mario Barth Timo Lokoschat geschafft. Zwischen ein paar schlechten Wortspielen („Rad ab!“, „Dieser Fall macht RADLOS.“) und viel Polemik („Ist er [der Radweg] mit Blattgold beschichtet? Gibt es kostenlosen Pannenservice für die nächsten 100 Jahre? Stehen links und rechts Kellner und reichen mit Champagner gefüllte Trinkflaschen und Kaviarhäppchen?“) schreibt Lokoschat:

Viele Deutsche träumen von der MILLION. Was könnte man mit so viel Geld alles machen?

Die Bundesregierung hat eine Idee: 100 Meter Radweg bauen! […]

Pro Kilometer kostet das Projekt unfassbare zehn Millionen Euro. Der wohl teuerste Radweg aller Zeiten.

Dabei handele es sich doch um „einen normalen Radweg“, so Lokoschat, was ebenfalls maximal irreführend ist. Normal sei, dass der Fuß- und Radweg die Standardbreite von 2,5 Metern habe, sagt uns der Sprecher des hessischen Verkehrsministeriums: „Alles andere ist nicht normal.“ Das beschrieb er auch in der bereits erwähnten Mail an die „Bild“-Autoren:

Die ausgesprochen schwierigen Verhältnisse — die Enge des Tals, das Nebeneinander von Straße und Bahnlinie, die Notwendigkeit des Hochwasserschutzes, der Schutz des UNESCO-Welterbes — machen den Straßenbau in diesem Abschnitt ungemein aufwendig und lassen keine billigere Lösung zu. Man hätte dann schon auf das Vorhaben verzichten müssen, aber um den Preis der Verkehrssicherheit, denn die Trennung von Auto- und Fahrradverkehr auf der zweispurigen B42 und die Verbreiterung der Fahrbahn bedeuten einen enormen Gewinn.

Hinzu komme, dass aufgrund der besonderen örtlichen Situation auf mehreren Kilometern eine sogenannte Kragarmkonstruktion, also eine Art Galerie, für den Fuß- und Radweg errichtet werden musste, was bei „einem normalen Radweg“ natürlich auch nicht der Fall ist.

„Bild“ hat dann auch noch beim Bund der Steuerzahler nachgefragt, was der denn von dem Bau und den Kosten halte, schließlich sei das ja alles „bitter für den Steuerzahler“.

Der Bund der Steuerzahler hält den Bau des Radwegs „an der touristisch attraktiven Straße“ für „sinnvoll“.

Ein Sprecher zu BILD: „Natürlich entstehen dort enorme Kosten, doch wir kennen derzeit keine Alternative, wie Steuergelder gespart werden können.“

Das zeigt vermutlich am besten, wie absurd die „Bild“-Berichterstattung und der Kommentar von Timo Lokoschat sind: Selbst der Bund der Steuerzahler, der immer alles skandalös findet, kann keinen Skandal erkennen.

Mit Dank an Andreas G., Sebastian L., happy und @OlafStorbeck für die Hinweise!

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