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Deutschland Aktuelle Nachrichten

Ein Watchblog für deutsche Medien
Aktualisiert: vor 17 Stunden 47 Minuten

Für jede Krise ein Gesicht

Mi, 08/21/2019 - 15:44

Vergangene Woche hat „Bild“-Selfie-Reporter Paul Ronzheimer Joshua Wong getroffen, den „Anführer des Aufstands“ in Honkong.

„Bild“ schreibt:

Jede Revolution, jeder Aufstand, braucht ein Gesicht.

Was insofern ganz interessant ist, als die aktuelle Protestbewegung in Hongkong sehr stolz darauf ist, dass sie eben keinen Anführer hat. International schreiben Medien von Protesten „without a main figurehead“, und auch Joshua Wong selbst sagt, dass es ein „faceless and leaderless movement“ sei.

„Jede Revolution, jeder Aufstand, braucht ein Gesicht“ – vielleicht meint „Bild“ aber auch gar nicht Wongs Gesicht.

Mit Dank an Stephan S. für den Hinweis!

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Viel-Framing-Ministerin, Rezo und die Reaktionen, SPD-Telefon(ab)schalte

Mi, 08/21/2019 - 08:54

1. Widersprüche um SPD-Telefonschalte
(spiegel.de)
Vergangenen Freitag berichtete der „Spiegel“, dass auch Olaf Scholz für den SPD-Parteivorsitz kandidieren wolle. Scholz habe dies in einer Telefonschalte mit den drei kommissarischen Parteichefs eingeleitet. Einer der drei Parteichefs bestritt in einer Pressekonferenz, dass es diese Telefonkonferenz gegeben habe. Was den „Spiegel“ zu einer Stellungnahme in eigener Sache veranlasst: „Wir können versichern, dass wir für unsere Darstellung zwei voneinander unabhängige, vertrauenswürdige Quellen haben, wie es die journalistischen Regeln verlangen. Wir haben unsere Quellen mit den Aussagen Schäfer-Gümbels konfrontiert. Sie bleiben bei ihrer Darstellung.“

2. Ich habe die Bundesfamilienministerin gefragt …
(twitter.com/nicolediekmann)
Die Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio Nicole Diekmann hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey gefragt, ob sie die Kritik an Wortschöpfungen wie „Gute-Kita-Gesetz“ und „Starke-Familien-Gesetz“ verstehe. Giffey argumentiert in ihrer leidenschaftlich vorgetragenen Antwort für „verständliches Sprechen“. Sie werde sich nicht „beirren lassen“. Man könnte dem folgen, doch in den Kommentaren zum Tweet kommen die entsprechenden und sehr berechtigten Gegenargumente.

3. Warum der viel zitierte „Bildungsmonitor“ nicht verrät, welches Bundesland die beste Bildung hat
(krautreporter.de, Bent Freiwald)
Die dem Arbeitgeberverband nahestehende Lobbyvereinigung INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft) hat jüngst den „Bildungsmonitor 2019“ (PDF) veröffentlicht. Dort geht es um einen Vergleich der Bildungssysteme der verschiedenen Bundesländer, der von vielen Redaktionen begierig aufgegriffen wurde. Bent Freiwald bezweifelt die aus dem Bericht gewonnenen Einsichten und Rückschlüsse: „Ein Vergleich aus wirtschaftlicher Sicht, mit relativ instabilen Daten, verrät nicht, welches Bundesland insgesamt das beste Bildungssystem hat.“

4. Alles, was ich über Bakery Jatta weiß
(nebgen.blogspot.com, Christoph Nebgen)
Die „Sport Bild“ berichtete vor wenigen Wochen von einer „irren Geschichte“. Die Zeitung habe bei einer „sensationellen Recherche“ herausgefunden, dass mit dem HSV-Spieler Bakery Jatta etwas nicht stimme. Es bestünden Zweifel an Identität und Legitimität des Aufenthaltsstatus. Andere Medien schlossen sich mit teilweise wüsten Spekulationen an. Konkurrierende Fußballvereine legten Einspruch gegen die Wertung von Partien ein, bei denen sie dem HSV unterlegen waren. Der Rechtsanwalt Christoph Nebgen hat sich den durchaus komplexen Vorgang genauer angeschaut.

5. Ausgetwittert
(tomhillenbrand.de)
Der Journalist und Schriftsteller Tom Hillenbrand ist Anfang Mai für einige schon aus einer Entfernung von Kilometern erkennbare Satire-Tweets von Twitter gesperrt worden. Hillenbrand versucht seitdem mit allen Mitteln, Twitter zu einer Aufhebung der Sperre zu bewegen, doch selbst auf einstweilige Verfügungen reagiere der Kurznachrichtendienst nicht. In einem Blogbeitrag dokumentiert er den Fortgang mit immer neuen Updates. Es ist ein Vorgang des unentwegten Kopfschüttelns, der geradezu nach einer Regulation und Sanktionierung schreit. Der von Twitter wohlgemerkt.

6. Eine Pressemitteilung des @DJVde gegen #rezo zum Fremdschämen …
(twitter.com, Peter Welchering)
Die Kritik des Youtubers Rezo an Boulevardmedien, seine persönlichen Erfahrungen mit Medien und die seiner Meinung nach wenig vorhandene Medienkritik (abseits von BILDblog und „Übermedien“) haben auf der Gegenseite zu teilweise merkwürdigen Reaktionen geführt. So antwortete der Deutsche Journalisten-Verband mit einer (mittlerweile zurückgezogenen) etwas patzigen und peinlich unsouveränen Pressemitteilung. Beachtenswert auch hier die Diskussion in den Kommentaren.

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Von Persönlichkeitsrechten im digitalen Zeitalter

Di, 08/20/2019 - 13:58

Womöglich muss man schon dankbar sein, dass sie bei „Bild“ nicht gleich wieder eine Titelgeschichte draus gemacht haben, nach deren Veröffentlichung eine Bildungseinrichtung bedroht wird, und sich die Polizei einschalten muss.

Aber hartnäckig drangeblieben sind sie schon an der Geschichte, dass eine Grundschule in Halle an der Saale („kein Einzelfall!“) den Eltern verboten habe, bei der Einschulungsfeier zu fotografieren.

(Nein, in Halle wurden nicht „730.000 Erstklässler“ eingeschult — die „Bild“-Redaktion macht es hier nur etwas genereller.)

Der Artikel vom Samstag legte dann für „Bild“-Verhältnisse überraschend sachlich die Rechtslage dar („Eltern sollten sich bewusst sein, dass Fotos von Kindern im Internet problematisch seien“).

Aber auch gestern waren die besagte Grundschule und eine weitere in Halle noch einmal Thema in der Bundesausgabe: Eine Mutter, die sich mit ihrer Tochter von „Bild“ fotografieren ließ, sagt, dass sie die Vorgabe des Schulleiters respektiert hätten. Ein Gast (!) der Einschulung wird mit den Worten zitiert, ein Foto vom eigenen Kind zu verbieten sei „Irrsinn“ (eine Formulierung, die „Bild“ gerne für die Dachzeile des Artikels übernahm). Und der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes erklärt:

„Natürlich muss das Recht der Kinder am eigenen Bild geschützt werden.“

Damit war das Thema für „Bild“ aber noch nicht durch: Auf Seite 2 forderte Redakteur Christian Langbehn etwas melodramatisch: „Lasst uns die Erinnerungen“.

Was so alles mit Fotos passieren kann, die zufälligerweise ihren Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben, kann man just oben auf jener Seite 6 der „Bild“-Bundesausgabe von gestern sehen, auf der unten die Geschichte vom „Datenschutz-Irrsinn“ steht: Da prangt das Foto eines 20-jährigen Geflüchteten aus Afghanistan, der am Wochenende bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde — unverpixelt, „Foto: privat“.

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Der große Werbe-Beschiss, Rezo und die Zeitungen, Lachkonserve-Erfinder

Di, 08/20/2019 - 08:54

1. Der grosse Werbe-Beschiss: Klickt euch doch selbst!
(medienwoche.ch, René Zeyer)
René Zeyer beschäftigt sich in der „Medienwoche“ mit einem Problem, das bei vielen Medien gerne unter den Tisch gekehrt wird: den unzähligen Promi-Betrugsinseraten und Werbebetrügereien. Er schreibt: „Wieso es aber weder Google mit seinen Tausenden von IT-Spezialisten, noch grossen Medienkonzernen wie Springer, Ringier, «Spiegel», «Die Zeit» und anderen nicht gelingt, wenigstens offenkundige Betrugsmaschen den Stecker zu ziehen, bleibt unverständlich.“ Manche Medien würden gar vor den Fake-Inseraten ihrer eigenen Seite warnen: „Man muss sich diese Absurdität auf der Zunge zergehen lassen: Ein Verlag warnt vor seinen eigenen Inseraten. Er verdient zwar dran, kriegt sie aber nicht weg.“

2. Die Zerstörung der Zeitungen durch den Youtuber Rezo
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Youtuber Rezo war beim Comedyduo „Space Frogs“ zu Gast. Es ging um das Thema „Zeitung“. Hat das Konzept ausgedient („Die meisten Zeitungen sind Billo-Shit-Unterhaltung.“)? Und warum kritisieren Medien sich nicht untereinander, da wo es angebracht ist: „Übermedien macht das. BILDblog macht das. Aber warum machen das nicht alle Zeitungen?“

3. Viele individuelle Lösungen für komplexe Probleme
(deutschlandfunk.de, Mirjam Kid, Audio: 6:16 Minuten)
Die „Fridays for Future“-Bewegung könne laut Medienethiker Alexander Filipovic einen positiven Effekt auf die Medienberichterstattung haben. Die Folge der Proteste könne sein, „dass sich die Erwachsenen für die Komplexität des Themas interessieren und auch die anspruchsvollen Dinge angucken und auch kaufen, sodass sich die Medien auch trauen, die wichtigen Sachen zu platzieren“.

4. dpa reagiert positiv auf offenen Brief zum Jubiläum
(genderequalitymedia.org)
Anlässlich des 70. Geburtstags der Deutschen Presse-Agentur (dpa) hat sich „Gender Equality Media“ in einem offenen Brief (PDF) an die Nachrichtenagentur gewandt. Kern des Anliegens: Die Nachrichtenprofis auf unangebrachte Begriffe im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen hinzuweisen. Der offene Brief sei von der Agentur positiv aufgenommen worden.

5. Erzählen Sie lieber was vom Pferd!
(faz.net, Hans Hütt)
Das Format der Sommerinterviews gehört neu überdacht, findet Hans Hütt: „Wie kommt es, dass die beiden großen Sendeanstalten mit ihren erstaunlichen Ressourcen nicht in der Lage sind, ihre rhetorisch ausgeschlafenen Gäste mit Daten und Fakten zu konfrontieren?“ Die „oberflächliche Dampfplauderei“ sei entbehrlich.

6. Der Erfinder der Lach-Konserve
(spiegel.de, Danny Kringiel)
Hinter dem Lachen vom Band in TV-Sendungen steht die Erfindung eines US-Ingenieurs aus dem Jahr 1953 — Charles Douglass hatte eine „Lachmaschine“ entwickelt: „Die Tasten waren mit 320 Lacher-Variationen belegt. Es war wie eine Orgel, mit der man ein ganzes Lachorchester kontrollierte. Douglass spielte sie virtuos. Mit präzisem Timing setzte er Lacher wie Akkorde zusammen: etwa das frühe Kichern vom Blitzmerker, der die Pointe als erster versteht, überlappend mit dem Auflachen der Menge, als der Groschen fällt. Das applausbegleitete Hauptgelächter, aus dem ein schrilles Lachen hervorsticht. Und dann, kurz vor dem Abebben, das dröhnende Wiehern des Spätzünders. Douglass schuf Kompositionen der Freude.“

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Wo gibt’s denn sowas? Nicht bei Otto.

Mo, 08/19/2019 - 15:24

„Flaschenwürfe, Randale, Festnahmen“ habe es gegeben, schrieb die „Hamburger Morgenpost“ vor zwei Monaten groß auf ihrer Titelseite, und zwar in der Hamburger Villa des Unternehmers Frank Otto. Dort sei eine „Teenie-Party“ mit 300 Gästen aus dem Ruder gelaufen.

Eine Teenie-Party in der Nacht zu Sonntag in der Hamburger Villa von Medienunternehmer Frank Otto (61) und Dschungelstar Nathalie Volk (22) ist derart ausgeufert, dass mehrfach die Polizei auftauchen musste. Für drei Jugendliche endete die Nacht in Handschellen.

Am Ende des Artikels kam auch Otto selbst zu Wort, der die Sache allerdings etwas anders darstellte. Er erklärte, dass …

in der Villa selbst alles friedlich gewesen sei. Randale hätten demnach Leute gemacht, die zu der Party gar nicht eingeladen waren und auf der Straße vor dem Anwesen bleiben mussten.

Trotzdem titelte die „Mopo“-Redaktion:

Heute musste sie auf ihrer Titelseite und im Innenteil eine Gegendarstellung abdrucken:

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Whatsapp an Strache, Maaßen-Analyse, Mockridge vs. Fernsehgarten

Mo, 08/19/2019 - 08:54

1. Chronologie einer Enthüllung: Whatsapp an H.-C. Strache
(derstandard.at, Bastian Obermayer & Frederik Obermaier)
Die beiden „SZ“-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier waren an der Aufdeckung des Ibiza-Skandal um FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache beteiligt. Beim österreichischen „Standard“ erzählen sie, wie sie Kurz und dessen Adlatus mit den Vorwürfen konfrontierten und was danach passierte. Ein Bericht, der sich streckenweise wie ein Krimi liest.

2. Angeblicher Auflagen-König ist in Wahrheit König der Kopierer
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Nahezu alle Zeitschriften machen Verluste, doch ein Verlag scheint davon auf wundersame Weise nicht betroffen zu sein: der Alles Gute Verlag. Sein Erfolgsrezept beruhe auf einem simplen Trick, so Mats Schönauer auf „Übermedien“: Die sich mehrheitlich um Klatschblätter handelnden Postillen würden vornehmlich bei sich selbst abschreiben.

3. Warum wir weiterhin darüber aufklären, wen Maaßens Anhängerschaft retweetet
(netzpolitik.org)
Netzpolitik.org hat die Twitter-Anhängerschaft des früheren Verfassungsschutz-Präsidenten Hans-Georg Maaßen analysiert. Dies hat teilweise heftige Kritik ausgelöst, die Netzpolitik.org wie folgt beantwortet: „Wir stehen zu unserem Bericht über die Datenanalyse. Deswegen lassen wir uns weder von Klageandrohungen noch von Shitstorms einschüchtern, die mit persönlichen Angriffen, Beleidigungen und Verleumdungen eine Änderung unserer Berichterstattung einfordern. Beides stellt einen Angriff auf die Pressefreiheit dar.“

4. Wo sich der Populismus unterhält
(tagesspiegel.de, Oliver Weber)
Oliver Weber hat sich die Entwicklung der Polittalks in den vergangenen Jahrzehnten näher angeschaut. Anfangs habe es an den Sendungen häufiger Kritik von rechts gegeben, heutzutage eher von links: „Führt man sich einmal vor Augen, wie irritationsresistent politische Talkshows funktionieren, wird auch klarer, inwiefern sie zum Aufstieg der AfD beigetragen haben können. Wenn sich der Personenkreis der häufig geladenen Gäste auf gut dreißig bekannte Gesichter reduziert, wird auch das populistische Vorurteil plausibler, in Berlin regiere eine kleine Clique von Politikern, die zur Lösung der Probleme im Land nichts beitrage.“

5. Wie Neonazis ihren Lifestyle auf Instagram verbreiten
(belltower.news, Samira Alshater)
Viele Rechtsextreme haben Instagram für sich entdeckt: „Auch sie nutzen die Plattform zur Darstellung ihres rechten Lifestyles. Dabei verwischen sie gezielt die Grenzen zwischen Propaganda und Privatleben.“ Samira Alshater zeigt mit zahlreichen Beispielen, welcher Bildsprache sich Rechtsextreme und Neonazis bedienen.

6. Kiewel rügt Mockridge nach Gaga-Auftritt im „Fernsehgarten“
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Am Sonntag war der Comedian Luke Mockridge beim ZDF-„Fernsehgarten“ zu Besuch und hat dort augenscheinlich versucht, mit einem absichtlich schlechten Auftritt voller schlechter Witze die Sendung zu „pranken“. Nach vier quälend langen Minuten hatte die Regie genug und schaltete zu Fernsehgarten-Moderatorin Andrea Kiewel rüber, die dem Spuk ein Ende bereitete. Etwas später richtete Kiewel sich live an ihr Publikum: „Ich moderiere diese Sendung jetzt seit 19 Jahren und das was Luke Mockridge hier gerade abgeliefert hat, übertrifft alle Vorstellungen an Unkollegialität, die ich jemals erlebt habe.“
Kommentar des „6 vor 9“-Kurators: Wenn überhaupt bezieht der Vorgang seine Komik aus einem Aspekt, der sicherlich nicht beabsichtigt war: Ein glattgebügelter und gefälliger Unterhaltungskünstler für den Massengeschmack arbeitet sich an einem glattgebügelten und gefälligen Unterhaltungsformat für den Massengeschmack ab.

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Schöner abschieben, MDR-Diskussion geplatzt, Börse für Andersdenkende

Fr, 08/16/2019 - 08:54

1. Ein PR-Coup des Innenministeriums: Schöner abschieben nach Kabul
(fr.de, Katja Thorwarth)
Die Deutsche Presse-Agentur hat auf Einladung des Innenministeriums einen Abschiebeflug nach Afghanistan begleitet und darüber recht einseitig berichtet, wie Katja Thorwarth kritisiert: „Natürlich kann man die Perspektive der Polizei wählen, nur trägt das zur Transparenz maximal 50 Prozent bei. Tatsächlich wird das für die abgeschobenen Menschen dramatische Ereignis auf den Routinealltag von Beamten heruntergebrochen, Emotionen werden mit dem Verweis auf „beklommene Blicke“ abgefrühstückt. Eigentlich im Fokus stehende Einzelschicksale der Flüchtlinge sind ausgeblendet, das Individuum inklusive Innenleben findet im ministeriell abgesegneten Propagandastück nicht statt.“

2. Lernen Sie jemanden kennen, der ganz anders denkt als Sie!
(zeit.de)
Beim großen Projekt „Deutschland spricht“ vermitteln „Zeit Online“ und die beteiligten Partnermedien allen interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen politisch anders denkenden Gesprächspartner. Das Projekt wurde erstmals 2017 initiiert und von 12.000 Personen genutzt. Im vergangenen Jahr waren es dann schon 28.000 Menschen.
Weiterer Lesetipp: Armin Falk hat das Projekt wissenschaftlich begleitet und kommt zu dem Ergebnis, „dass bereits ein zweistündiges Gespräch ­zwischen Menschen mit völlig unterschiedlichen ­politischen Ansichten reicht, um die Polarisierung abzuschwächen. Das Treffen hat Vorurteile gegenüber Andersdenkenden abgebaut: Nach dem Gespräch hielten Teilnehmer Menschen mit anderen Ansichten im Schnitt für weniger inkompetent, ­bösartig und schlecht informiert. Und sie hatten weniger den Eindruck, dass diese völlig andere Werte und Lebensvorstellungen ­haben.“

3. MDR-Diskussion mit Neonazi platzt nach heftiger Kritik
(tagesspiegel.de, Matthias Meisner)
Die geplante Diskussion des MDR zum Film „Chemnitz — Ein Jahr danach“, zu der auch ein Neonazi eingeladen war, findet nicht statt. Nachdem es einige Kritik gegeben hatte, und Diskussionspartner aus Protest ihre Teilnahme widerrufen haben, will der MDR das Publikum stattdessen mit den Machern des Films diskutieren lassen.

4. Gewalt gegen Journalisten eskaliert
(reporter-ohne-grenzen.de)
In Hongkong kommt es seit mehreren Wochen zu massiven Protesten. Auslöser war ein Gesetzentwurf, der die Auslieferung von Verdächtigen nach Festland-China erlaubt hätte. Nun wird die Lage auch für Medienschaffende gefährlich. Christian Mihr, Geschäftführer bei Reporter ohne Grenzen: „Die mittlerweile systematische Gewalt soll Journalistinnen und Journalisten abschrecken, über die Proteste zu berichten. Die Behörden in Hongkong müssen die Gewalt gegen Medienschaffende beenden und die brutalen Übergriffe untersuchen.“

5. Radio erlebt als Audio seinen x-ten Frühling
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Im Gespräch mit dem Portal „Fachjournalist“ verrät der stellvertretende Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks Walter Schmich, was aus seiner Sicht guten Radiojournalismus ausmacht, wie für ihn das Radio der Zukunft aussieht und was er vom Podcast-Boom hält. Um das Radio macht er sich keine Sorge: „Hörfunk hat beispielsweise in Bayern in 20 Jahren nicht einmal vier Prozent an Reichweite verloren — das ist gar nichts. Da ist der Vorteil, dass wir ein Nebenbei-Medium sind: Ich kann z.B. am Computer arbeiten und Radio hören. Ob man uns über UKW, DAB oder als Livestream am PC hört — völlig egal, wir erreichen die Leute.“

6. Warum Bibel TV der Werbemarkt egal sein kann
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Seit mittlerweile 17 Jahren behauptet sich der kleine Nischenkanal Bibel TV am Markt. Der gemeinnützig arbeitende Sender gehört mehrheitlich der Rentrop-Stiftung, die beiden großen Kirchen besäßen jedoch eine Sperrminorität. Timo Niemeier stellt den Sender vor, bei dem „die Ausrichtung am christlichen Wertekanon und an Gewaltfreiheit“ im Zentrum stehe.

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Bild.de macht pauschal Stimmung: „Muslime hassen Juden“

Do, 08/15/2019 - 11:17

Bei Netflix läuft seit gut zwei Wochen der Film „The Red Sea Diving Resort“, und Bild.de hat ihn nun auch entdeckt:

Allerdings ist bereits das, was die Redaktion in der Überschrift schreibt, falsch. Und es wird auch nicht richtiger, wenn Autor Christian Henning diese Art Zusammenfassung ähnlich im Artikel wiederholt:

Als die Tarnung als Tauch-Resort so perfekt ist, dass tatsächlich (deutsche) Touristen dort ankommen, müssen die Geheimagenten Tauch- und Fitness-Kurse anbieten. Hauptsache, niemand merkt, dass die meisten Gäste auf den Zimmern Flüchtlinge sind, die um ihr Leben bangen.

In der Tat geht es in „The Red Sea Diving Resort“ um einen Geheimdienst (den Mossad), der Geflüchtete (Äthiopierinnen und Äthiopier jüdischen Glaubens) rettet. Das Team des Mossad pachtet zum Schein ein verlassenes, am Roten Meer gelegenes Resort im Sudan. Es kommen dann etwas überraschend auch richtige Touristen, für die der Mossad ein Urlaubsprogramm organisieren muss. Die Geflüchteten aus Äthiopien werden in den 130 Minuten, die der Film dauert, allerdings kein einziges Mal als Urlauber getarnt und sie sind auch nicht Gäste des Resorts, wie Bild.de schreibt. Sie verstecken sich nach ihrer Flucht vor dem äthiopischen Bürgerkrieg in einem sudanesischen Flüchtlingslager, das ganz woanders im Land liegt. Das vom Mossad gepachtete Resort dient lediglich als der Ort, zu dem sie bei Dunkelheit in Lastwagen gefahren werden, um dort in Boote zu steigen, die sie nach Israel bringen. Die Geschichte basiert auf der „Operation Brüder“.

„Bild“-Autor Christian Henning hat den Film offenbar überhaupt nicht gesehen. Oder er hat ihn gesehen, allerdings kaum verstanden.

Dafür hat er es aber hinbekommen, bei Bild.de selbst in einer Filmrezension Stimmungsmache gegen Muslime unterzubringen. Zum „Haken“ an dem Vorhaben des Mossad schreibt er:

Der Sudan ist ein überwiegend muslimisches Land. Muslime hassen Juden.

Ohne Einschränkung, ohne Differenzierung. Kein „manche“. Kein „einige“. Nicht mal ein „viele“. Laut Bild.de sind pauschal alle Muslime Judenhasser.

Mit Dank an @MKTuningDO und @Menschenkleber für die Hinweise!

Nachtrag, 12:27 Uhr: Bild.de hat die zwei oben zitierten Sätze zum Sudan als „überwiegend muslimisches Land“ sowie zu den Muslimen, die pauschal Juden hassen würden, ohne irgendeinen Korrekturhinweis aus dem Artikel gestrichen.

Nachtrag, 12:59 Uhr: Nun hat die Redaktion auch eine Anmerkung hinzugefügt:

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikels enthielt die Formulierung: „Muslime hassen Juden.“ Der Satz wurde ersatzlos entfernt.

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Polizeiliche Leimgeher, Klima-Framing, MDR Bühne für Rechte

Do, 08/15/2019 - 08:54

1. Was macht die Polizei Berlin in der „Bild“-Werbung?
(t-online.de, Lars Wienand)
Die Polizei Berlin hat sich für eine Werbekampagne der „Bild“-Zeitung einspannen lassen und versucht, dies auf interessante Weise zu rechtfertigen: Ihr sei das alles in dieser Form nicht vorher kommuniziert worden. Der Medienjournalist und BILDblog-Gründer Stefan Niggemeier („Übermedien“) kommentiert: „Damit geht die Polizei entweder der ‚Bild‘ auf den Leim oder sie stellt sich dumm.“

2. Klima: Medien verführen mit der Wortwahl zu passivem Verhalten
(infosperber.ch, Stefan Boss)
Die Kommunikations- und Sprachforscherin Elisabeth Wehling hat ein Buch über „Politisches Framing“ verfasst. Darin geht es darum, wie die Wortwahl unser Denken beeinflusst. Beispiele dafür seien etwa die Worte „Klimawandel“ oder „Klimaerwärmung“, welche das Problem verharmlosen würden. Hier seien eher Begriffe wie „Klimaerhitzung“ oder „Klimakrise“ angebracht.

3. Mit Rechten reden
(taz.de, Sarah Ulrich)
Im August 2018 kam es in Chemnitz zu Aufmärschen von Rechten und Rechtsextremen. Anlässlich seiner Reportage „Chemnitz — Ein Jahr danach“ lädt der MDR zu einer Diskussionsveranstaltung. Mit dabei unter anderem die Oberbürgermeisterin der Stadt, der Programmdirektor und ein Universitätsprofessor, aber auch ein gewisser Arthur Oesterle. Die „taz“ erklärt, warum das hochproblematisch ist.

4. Britische Werbeaufsicht verbannt Volkswagen-Spot
(horizont.net, Ingo Rentz)
Großbritannien hat neue Werberichtlinien hinsichtlich der Darstellung der Geschlechter erlassen. Dass diese Richtlinien keine bloßen Appelle sind, hat nun unter anderem der Automobilkonzern VW erfahren. Die britische Werbeaufsicht Advertising Standards Authority hat die Ausstrahlung eines Spots über ein E-Auto untersagt.

5. Online second
(kontextwochenzeitung.de, Wolfgang Messner & Markus Wiegand)
Der Strukturwandel in den etablierten Zeitungsmedien führt immer wieder zu Konflikten zwischen den Printlern und den Onlinern. Auch bei der „Süddeutschen Zeitung“ soll dieser Kampf hinter den Kulissen toben. Angeblich befeuert durch einen Debattenbeitrag der Digitalchefin, den ihr einige Kollegen wohl übel genommen haben. „Kontext“ berichtet über Positionen, Zusammenhang und Hintergründe des Richtungsstreits.

6. Eine herzzersplitternde Traurigkeit
(zeit.de, Linda Benedikt)
Linda Benedikt schreibt bei „Zeit Online“ in berührender Weise über ihren Großvater, die Fernsehlegende Robert Lembcke: „Als Jude machte er Karriere im Land der Täter, die seine Verwandten ausgelöscht hatten. Wie konnte er das nur aushalten?“

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Hitzige Klima-Debatte, Feindesliste der Prepper, Erfolgreiches Katapult

Mi, 08/14/2019 - 08:54

1. Ein Einblick in die Social-Media-Strategie der „Tagesschau“
(blog.medientage.de, Petra Schwegler)
Petra Schwegler hat sich für die „Medientage München“ mit Patrick Weinhold unterhalten, der das Social-Media-Team der „Tagesschau“ leitet. Ausgewählte Inhalte der Nachrichtensendung werden über Instagram, YouTube, Facebook und Twitter ausgespielt. Demnächst kommen noch Messengerdienste hinzu wie der Facebook Messenger und Telegram. Der Schwerpunkt der Social-Media-Strategie liege in der Verjüngung des Publikums, denn „das Durchschnittsalter der klassischen „Tagesschau“-Zuschauer liegt bei 64 Jahren, die Homepage-Besucher sind im Schnitt 42, die App-Nutzer 41 Jahre alt.“

2. Wie weit dürfen Journalisten bei Undercover-Recherchen gehen?
(sueddeutsche.de, Elisa Britzelmeier)
Beim RTL-Format „Team Wallraff“ recherchieren Reporter undercover. Das heißt, sie schleusen sich in Betriebe ein und dokumentieren mit versteckter Kamera Missstände. Dagegen haben sich nun verschiedene Personen gerichtlich zur Wehr gesetzt, die im Zusammenhang mit einer Krankenhausreportage heimlich aufgenommen wurden.

3. Hitze, Brände, Kachelmann
(scilogs.spektrum.de, Stefan Rahmstorf)
Der Klimatologe Stefan Rahmstorf hat einen Artikel über den Zusammenhang von steigenden Temperaturen und Waldbränden verfasst, der auch eine Abrechnung mit dem Wetter-Experten Jörg Kachelmann ist: „Sein Twitter-Verhalten ähnelt dem von US-Präsident Trump: markige Behauptungen posten ohne Rücksicht auf deren Wahrheitsgehalt, und wer ihn widerlegt wird unflätig beschimpft. Kachelmann ist zwar nicht so dumm, die globale Erwärmung an sich oder ihre Verursachung durch den Menschen zu bestreiten, wie es die AfD tut, aber er gehört zum dritten Typus von „Klimaskeptikern“, der versucht, die Folgen der Erwärmung herunterzuspielen. Dieser Typ stellt die „Klimaleugner“ und die angeblich „alarmistischen“ Klimaforscher auf eine Stufe als gleichermaßen verblendet, um sich dann selbst in der vermeintlich goldenen Mitte zu verorten. Gemeinsam haben alle drei Typen von „Klimaskeptikern“, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht zu ihrem Narrativ passen, und dass ihre Hauptmethode daher die Diffamierung von Wissenschaftlern ist.“

4. Klaus-Peter Wolf geht erstmals gegen Schmähschrift vor
(buchmarkt.de, Klaus-Peter Wolf)
Was muss vorfallen, damit ein Autor gegen einen Leserbriefschreiber gerichtlich vorgeht? Immerhin stehen sofort Verdacht und Vorwurf im Raum, hier wolle jemand einen Kritiker mundtot machen. Der Autor Klaus-Peter Wolf erzählt, was ihn zu diesem Schritt bewogen hat.

5. „Wenn ihr das drucken wollt, könnt ihr das vergessen“: die unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte des „Katapult“-Magazins
(meedia.de, Thomas Borgböhmer)
Als Benjamin Friedrich 2015 „Katapult“ gründete, das Magazin für „Kartografik und Sozialwissenschaft“, haben die Wirtschaftsberater ein schnelles Aus prophezeit: „Wenn ihr das drucken wollt, könnt ihr das vergessen. Dann ist das der schlechteste Business-Plan überhaupt.“ Doch es kam anders: Derzeit ist die 15. Ausgabe des Heftes in Planung, das laut Verlagsangaben etwa 18.500 Abonnenten und eine Auflage von 50.000 Exemplaren hat. „Meedia“ hat mit dem Gründer und Chefredakteur ein aufschlussreiches Gespräch rund um das ungewöhnliche Magazin geführt.

6. „Feindesliste“ von rechtsextremen Preppern: Wir verklagen Bundeskriminalamt
(fragdenstaat.de)
Die rechtsextreme „Nordkreuz“-Gruppe hat Informationen über rund 25.000 Personen, darunter Journalistinnen und Journalisten sowie linke Politikerinnen und Politiker, in einer Liste zusammengetragen. Personen, die in einem „Krisenfall“ festgesetzt und getötet werden sollen. Wer auf dieser Liste auftaucht, kann also als gefährdet gelten, doch das Bundeskriminalamt verweigert die Herausgabe der Daten. Nun beschreitet „Frag den Staat“ den Klageweg. Der Fall werde am kommenden Montag, 19. August, im Verwaltungsgericht Wiesbaden öffentlich verhandelt.

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„BILD berichtet gern über jeden Quertreiber einzeln“

Di, 08/13/2019 - 16:34

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte in ihrer Regierungserklärung gesagt, Soldatinnen und Soldaten in Uniform sollten in Deutschland künftig kostenlos mit der Bahn fahren können. Doch dieser Plan drohe nun zu kippen:

Wie der „Spiegel“ berichtet, scheitert der Plan bisher an der Bahn: Die verlange 38 Millionen Euro/Jahr für die Einführung (bei geschätzt 40 000 bis 80 000 Freifahrten pro Jahr), wolle Soldaten aber nur auf ICE-Hauptstrecken fahren lassen und verlange ein eigenes Bundeswehr-Buchungssystem.

… schrieb Hans-Jörg Vehlewald gestern auf Seite 1 der „Bild“-Zeitung. Und nein, der Preis für eine Bahnfahrt ist nicht über Nacht auf irgendwas zwischen 475 und 950 Euro gestiegen. Vehlewald bekommt es einfach nicht hin, die richtigen Zahlen zu nennen: Bei rund 180.000 Soldatinnen und Soldaten, die die Bundeswehr zählt, hätten „40 000 bis 80 000 Freifahrten pro Jahr“ selbst dem „Bild“-Chefreporter merkwürdig niedrig vorkommen müssen. Tatsächlich soll es um „geschätzte 400.000 bis 800.000 Freifahrten von Soldaten pro Jahr“ gehen, für die die Bahn „38 Millionen Euro“ veranschlagt, wie der „Spiegel“ berichtet.

Zusätzlich zu seinem fehlerhaften Artikel schrieb Chefreporter Vehlewald in „Bild“ gestern auch einen Kommentar zu dem Thema („Kommt zu Potte!“), den er mit einer Drohung einer bemerkenswerten Botschaft enden ließ:

Und sollte sich irgendwer bei der Bahn oder ein Landesminister in den Weg stellen: BILD berichtet gern über jeden Quertreiber einzeln.

Wer an dem Vorhaben von Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer zweifelt und etwa den legitimen Punkt aufbringt, dass sowieso schon volle Züge auf stark genutzte Strecken durch die möglichen Freifahrten der Soldatinnen und Soldaten übervoll werden könnten, muss also fürchten, von Deutschlands größter Zeitung an den Pranger gestellt zu werden. Bei „Bild“ kündigen sie ihre diskursvergiftenden Kampagnen jetzt schon breitbeinig an.

Vielleicht muss sich Hans-Jörg Vehlewald aber auch erstmal gar nicht „irgendwen bei der Bahn oder einen Landesminister“ vorknöpfen, sondern seinen „Bild“-Kollegen Kai Weise. Der berichtete im vergangenen Dezember über die Probleme der Deutschen Bahn: „Bei der Bahn haben wir ganz viel Dampf im Kessel!“ Eine Dampfquelle laut Weise: Die Züge seien zu voll.

Mit Dank an Niklas R. für den Hinweis!

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Innere Pressefreiheit, Klartext über Klartext, Versteckte Kameras

Di, 08/13/2019 - 08:54

1. Wir müssen Verkäufer in eigener Sache werden
(journalist-magazin.de, Sascha Borowski)
Das Medienmagazin „journalist“ lässt seit einiger Zeit in einer herausragenden Serie führende Medienmacherinnen und -macher zu Wort kommen. In der elften Ausgabe von „Mein Blick auf den Journalismus“ erzählt Sascha Borowski, Digitalleiter der „Augsburger Allgemeinen“, von seinen Erkenntnissen. Wertvolle, da konkrete Einblicke in die praktische Arbeit einer Redaktion, ganz ohne die sonst üblichen inhaltsleeren Floskeln über Medienwandel, Transformation und Disruption.

2. Klartext über Klartext
(uebermedien.de, Samira El Ouassil)
Besonders in den Boulevardmedien wird gerne „Klartext“ geredet. Auf „Übermedien“ rechnet Samira El Ouassil mit dem unsäglichen Wort ab: „Bei Klartext kommt nie irgendwas Neues oder Überraschendes, Schlaues, Radikales, Inspirierendes, Visionäres — und es kommt vor allem, und das ist das Frechste an Klartext, vor allem eben kein Klartext, sondern meist selfiejournalistische Kolumnisten-Kakophonie eigener Egos, die sich nach etwas Rückversicherung und Validation sehnen.“

3. „Weniger Interesse, in die Tiefe zu gehen“
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 7:15 Minuten)
Die große Zeit der Musikmagazine scheint vorbei. In den vergangenen Jahren wurden bei so bekannte Zeitschriften wie „Spex“, „Intro“ und „Groove“ der Stecker gezogen. Tapfer widersetzt sich der mittlerweile 50 Jahre alte „Musikexpress“, der von der Kulturwissenschaftlerin Sonja Eismann als „one last magazine standing“ gelobt wird. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk erklärt Eismann, warum sich die Musikzeitschriften so schwer tun, obwohl Musik und Popkultur allgegenwärtig sind.

4. Warum lineares Fernsehen gut ist für uns alle
(welt.de, Elmar Krekeler)
Dem linearen Fernsehen laufen in Scharen die Leute weg. Dabei gebe es gute Gründe, warum es weiter bestehen sollte. In seinem Plädoyer für lineare Medien führt Elmar Krekeler einige davon an.

5. Innere Pressefreiheit groß geschrieben
(djv.de, Hendrik Zörner)
Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband lobt den „Spiegel“ für dessen kritische Titelgeschichte zu Kreuzfahrten. Diese sei umso bemerkenswerter, als dass der „Spiegel“ selbst derartige Leserreisen anbieten würde: „Deshalb ist es ein Vorzeigebeispiel von innerer Pressefreiheit, dass die Spiegel-Redaktion diese Geschichte ins Blatt heben konnte. Dass kritischer Journalismus den Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen eines Verlags bekommen hat. So sollte es überall sein.“
Ergänzung des „6 vor 9“-Kurators: Der „Spiegel“ schreibt in seiner Hausmitteilung (Ausgabe 33 vom 10.8.2019): „Selbstkritisch sei hier eingeräumt, dass der SPIEGEL-Verlag, wie andere Medienhäuser auch, Leserreisen auf Kreuzfahrtschiffen anbietet. Beim SPIEGEL agieren Verlag und Redaktion unabhängig voneinander. Wir werden die Titelgeschichte trotzdem zum Anlass nehmen, diese Kooperationen neu zu überdenken.“

6. Achtung, gleich wird’s lustig
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Früher waren TV-Sendungen mit versteckter Kamera ein Quotengarant. In Zeiten allgegenwärtiger Smartphonekameras und millionenfach geteilter Videomitschnitte mehr oder weniger lustiger Begebenheiten, müssten derartige Sendungen eigentlich obsolet sein. Trotzdem halten Sender wie ZDF und Vox unbeirrt an den Formaten fest. Formate, die Hans Hoff für gescheitert hält: „Das Scheitern der Shows hat natürlich vor allem mit der sinnlichen Entkernung ihrer selbst zu tun. Der eigentliche Gag, also die Überraschung ahnungsloser Menschen, ist halt nach wenigen Sekunden vorbei, verbraucht sich also ultraschnell. Deshalb sind die Produzenten dazu übergegangen, die Vorgeschichten und Nachbesprechungen endlos auszuwalzen, vorher zu versprechen, dass es gleich ganz lustig wird und hinterher zu behaupten, dass das gerade aber total lustig war. Im Prinzip gleichen Versteckte-Kamera-Präsentationen inzwischen eher gepflegten Nichtigkeitstalkshows mit kurzen Einspielern als einer wirklich guten Unterhaltung.“

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Terrorakt Jugendstreich, Schlamm wälzen, Asymmetrisches Berichten

Mo, 08/12/2019 - 08:54

1. Aufruhr im Freibad: Vom Jugendstreich zum Terrorakt
(ardmediathek.de, Video: 8:38 Minuten)
Man könnte in der Tat verzweifeln, wie es Georg Restle am Ende des „Monitor“-Beitrags ausdrückt: Da wird ein Düsseldorfer Freibad zum Tatort von Terror und Gewalt hochgejazzt, in dem angeblich 60 aggressive Migranten nordafrikanischer Herkunft Angst und Schrecken verbreiten. Nur allzu begierig stürzen sich Medien und Politik auf den Fall und instrumentalisieren ihn für ihre Zwecke. Ein Fall, bei dem nach näherem Betrachten wenig bis gar nichts übrig bleibt.

2. „Wir kommen uns im digitalen Dorf unerträglich nahe“
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Der „Tagesspiegel“ hat sich mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen über Filterblasen und Echokammern unterhalten. Und über Michael Seemanns Idee „der positiven und negativen Filtersouveränität“: „Man kann sich aktiv in seine Wirklichkeitsblase hineingoogeln, kann für jede Idee einen Beleg, für jeden Irrwitz einen sogenannten Experten finden. Das meint positive Filtersouveränität. Und das Netz kommt der Bestätigungssehnsucht sehr weit entgegen, stellt von der Logik des Empfängers auf die des Empfängers um, der sich — einerseits — seine Wunschwirklichkeit zusammensucht. Andererseits kann man jedoch der Weltsicht der anderen nicht entkommen, kann sich eben gerade nicht effektiv abschotten, isolieren. Negative Filtersouveränität ist in der vernetzten Welt nicht zu haben.“

3. Ein Aufreger jagt den nächsten
(sueddeutsche.de, Jagoda Marinic)
In ihrer Kolumne regt sich Jagoda Marinic über das Aufregen auf: „Die mediale Aufmerksamkeit darf sich nicht auf die Erregungsschleifen über twittertaugliche Thesen richten, sondern muss sich dem Kampf um Ideen widmen, die großen Fragen unserer Zeit angehen. Wer den Profilneurotikern heftig widerspricht, tut einerseits gut daran, doch letztlich wälzt er sich mit ihnen im Schlamm.“

4. Presserat: Blick verletzte Journalistenkodex mit voller Namensnennung im Mordfall von Rupperswil
(steigerlegal.ch, Martin Steiger)
Nun hat es auch der Schweizer Presserat bestätigt: Die Zeitung „Blick“ verletzte den schweizerischen Journalistenkodex, indem die Redaktion den Vierfachmörder von Rupperswil offline und online beim vollen Namen nannte. Der Jurist Martin Steiger kommentiert die Entscheidung und kritisiert den Presserat, der in seiner Stellungnahme den Täter mit vollem Vornamen und mit dem ersten Buchstaben des Nachnamens genannt habe: „Der Presserat legitimiert damit eine weit verbreitete, aber vollkommen unnötige Unsitte im Journalismus. Für die Justizberichterstattung ist grundsätzlich gar keine Namensnennung erforderlich. Die Justizberichterstattung kann ihre Funktion genauso erfüllen, wenn ein geeignetes Pseudonym genannt wird. Es gibt grundsätzlich kein überwiegendes öffentliches Interesse an einer Namensnennung.“

5. Asymmetrische Berichterstattung
(taz.de, Serge Halimi & Pierre Rimbert)
In diesem übersetzten Artikel aus „Le Monde diplomatique“ geht es um zweierlei Maß in der politischen Berichterstattung. Konkreter Anlass ist der Abschuss einer US-Drohne durch den Iran. Die Autoren kehren den Vorgang um und fragen: „Man stelle sich vor, eine iranische Drohne würde über Florida abgeschossen oder ein paar Kilometer vor der US-Küste. Niemand würde über den exakten Abschussort diskutieren, vielmehr würden sich alle fragen, was diese Drohne dort zu suchen hatte — 11.000 Kilometer entfernt von Teheran.“

6. Google zeigt Podcasts in Suchergebnissen an
(heise.de)
Podcasts erfahren bei Google eine deutliche Aufwertung. Zunächst nur in den USA will die Suchmaschine mehr als zwei Millionen Podcasts auffindbar machen. Dazu werden die Podcasts analysiert, transkribiert und in die Suchergebnisse eingepflegt.

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Causa Kollegah, Wahl-Wortwelten, EU-Zwinkersmiley Sonneborn

Fr, 08/09/2019 - 08:54

1. Kollegah mahnt unsere Undercover-Recherche zum „Alpha Mentoring“ ab, aber wir lassen den Artikel online
(buzzfeed.com, Daniel Drepper & Paul Schwenn & Johann Voigt)
Vor wenigen Tagen veröffentlichten „BuzzFeed News“ und „Vice“ eine Recherche über das sogenannte „Alpha Mentoring“ des Rappers Kollegah und seiner Geschäftspartner von „Baulig Consulting“. Diese reagierten mit einer Flut von — für die Empfänger kostspieligen — Abmahnungen und nahmen dabei auch Seiten ins Visier, die den Beitrag verlinkt hatten. Das Autorenteam berichtet über den jüngsten Stand und die erhobenen Vorwürfe. Und das liest sich trotz aller Traurigkeit ganz lustig: „Die Anwälte schreiben, wir würden die Baulig Consulting und ihren Geschäftsführer abwerten wollen, in dem wir schreiben, er würde wie das Klischeebild von Wall-Street-Brokern mit dicken Uhren und Philipp Plein-Hemden herumlaufen, aber Hundetrainerinnen aus Kulmbach und Creußen beraten. Baulig besitze gar keine Philipp Plein-Hemden, schreiben die Anwälte. Zudem bestreiten sie, dass die von uns zitierte Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz die zitierten Aussagen tatsächlich getroffen hat.“ „BuzzFeeds“ Antwort auf die erhobenen Vorwürfe: „Es gibt ein Foto von Ende Juni 2019, in dem Andreas Baulig ein Philipp Plein-Polohemd trägt. Mit den Hundetrainerinnen werben die Bauligs selbst auf ihrer Webseite und das Zitat hat uns die Verbraucherzentrale per E-Mail geschickt.“

2. Ausländer sind Ausländer sind Ausländer…?
(spiegel.de, Ferda Ataman)
Ferda Ataman schreibt in ihrer Kolumne über eine immer wieder auftauchende Frage in der Kriminalitätsberichterstattung: In welchen Fällen soll die Herkunft des Täters genannt werden beziehungsweise ist eine derartige Nennung überhaupt nötig? Ataman kommt zu dem Schluss: „Ich behaupte mal, dass die genetisch oder kulturell bedingte Kriminalitätsneigung primitiver Quatsch ist. Wissenschaftlich ist sie jedenfalls nicht haltbar. Die andere Schlussfolgerung hieße, dass wir über das gescheiterte Integrationsvermögen der Aufnahmegesellschaft reden müssen. Dass bei uns soziale Ausgrenzung, bürokratische Hürden, Diskriminierung, ein geschlossenes Bildungssystem und so weiter dazu führen, dass bestimmte Gruppen eher kriminell werden. Das ist keine Entschuldigung, sondern eine Tatsache. Sie gehört zur „vollständigen Wahrheit“.“

3. Wortwelten der Wahlprogramme
(uni-potsdam.de, Peer Trilcke)
Anlässlich der bevorstehenden brandenburgischen Landtagswahl hat sich Peer Trilcke von der Uni Potsdam die Parteiprogramme angesehen: Worüber sprechen die Parteien besonders häufig? Was sind ihre Schlüsselwörter? Trilckes Analyse ist nicht nur äußerst aufschlussreich, sondern auch toll aufbereitet. Es lohnt sich unbedingt einen Blick auf seine Poster mit den Ergebnissen (PDF) zu werfen.

4. Widerstand gegen Umbau der Kultur- zur Klassikwelle
(deutschlandfunk.de, Ludger Fittkau, Audio: 4:40 Minuten)
Der Hessische Rundfunk (hr) will das bisherige Kulturradio hr2 in einen Klassik-Sender umbauen, doch das Vorhaben trifft auf Widerstand. Mittlerweile gibt es sogar eine Online-Pettion für den Erhalt des hr2 in seiner jetzigen Form. Auf der Petitionsseite gibt es Pro- und Contra-Stimmen und mittlerweile weit über 1.000 Kommentare.


5. Presserechtsanwälte ändern ihre Strategien
(ndr.de, Daniel Bouhs)
Die Otto-Brenner-Stiftung hat eine Studie zu „präventiven Anwaltsstrategien gegenüber Medien“ veröffentlicht: „Wenn Sie das schreiben, verklage ich Sie!“ (PDF). Durch Drohschreiben, die im Anwaltsjargon „presserechtlichen Informationsschreiben“ heißen, soll Berichterstattung bereits im Vorfeld unterbunden werden. Die Autoren der Studie würden vor einer „schleichenden Erosion der Pressefreiheit“ warnen und sich wünschen, dass die öffentlich-rechtlichen Sender für investigative Beiträge das Haftungsrisiko übernehmen. 
Hörtipp: Daniel Bouhs hat sich mit einem der beiden Autoren der Studie unterhalten: Präventive Anwaltsstrategien gegen Medien: Interview mit Daniel Moßbrucker (daniel-bouhs.de, Audio: 19:51 Minuten)
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6. „Es ist so unfassbar, was gerade passiert“
(freitag.de, Okan Bellikli)
Im Interview mit dem „Freitag“ spricht der Satiriker und Europaabgeordnete Martin Sonneborn über die ersten vier Wochen der neuen Legislaturperiode des EU-Parlaments, er erzählt, wie es ihm nach der Wahl Ursula von der Leyens geht („eigentlich ganz gut“), und sagt, dass „Hinterzimmerdeals“ nicht in den Parlamentsräumen, sondern in hochpreisigeren Hotelrestaurants ausgeknobelt werden.

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Türkei-Festnahme, Shitstorm-Anatomie, Knausgårds Augen

Do, 08/08/2019 - 08:54

1. Wenn Facebook-Beiträge zur Festnahme führen
(tagesspiegel.de, Claudia von Salzen)
Erneut ist ein Deutscher in der Türkei wegen des Verdachts der „Terrorpropaganda“ festgenommen worden. Ihm wurden offenbar ältere Facebook-Beiträge vorgeworfen. Das Auswärtige Amt warne in seinen Reisehinweisen deshalb vor dem Verhaftungsrisiko bei Besuchen in der Türkei: „Ausreichend ist im Einzelfall das Teilen oder ‚Liken‘ eines fremden Beitrags entsprechenden Inhalts.“
Weiterer Lesetipp: Anscheinend will die Türkei zahlreiche Webadressen sperren, darunter Social-Media-Konten von oppositionellen Politikern, Künstlern und linken Medien: Türkei will 136 Webseiten sperren (sueddeutsche.de, Christiane Schlötzer)
.

2. Anatomie eines deutschen Shitstorms
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo hat sich Gedanken über Entstehung und Ablauf eines typischen Shitstorms gemacht. Dazu hat er die Auseinandersetzung um die Aussagen eine Politikers in kleine Teile zerlegt: Von „Schritt 0: Die Ausgangslage“ bis hin zu „Schritt 15: Das Finale“. Nicht wissenschaftlich belegt und überpointiert, dafür umso treffender.

3. Freies Wissen: EU-Kommission stellt ihre Publikationen unter offene Lizenzen
(netzpolitik.org, Maria von Behring)
Eine erfreuliche Nachricht für das freie Wissen: Die EU-Kommission gibt die meisten Veröffentlichungen unter einer sogenannten CC-BY-4.0-Lizenz frei. Damit darf jeder „das Material in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten und das Material remixen, verändern und darauf aufbauen und zwar für beliebige Zwecke, sogar kommerziell.“ Die Bundesregierung hinke diesem fortschrittlichen Gedanken weiterhin hinterher: „Für die Publikationen und Dokumente von Ministerien, Behörden und Ressorts gibt es auf der Seite der Bundesregierung keinen Hinweis auf allgemein gültige, einheitliche Lizenzen. Die Rechte für Nutzung und Verbreitung der Inhalte hängen damit von den jeweiligen Herausgebenden ab.“

4. Frank Bsirske: An Demenz leiden
(klima-luegendetektor.de)
Lange Zeit machte sich Gewerkschaftsführer Frank Bsirske medial für Braunkohle stark und betrieb indirekt klimaschädliche Politik, nun unterstützt er Fridays for Future beim Kampf um einen besseren Klimaschutz. Ein Widerspruch, den die Betreiber vom „Klima-Lügendetektor“ wie folgt kommentieren: „Natürlich billigen auch wir vom Klima-Lügendetektor Menschen die Einsicht auf dem Irrweg zu und begrüßen ihre Läuterung. Das allerdings setzt das Eingeständnis der Schuld voraus. Von Frank Bsirske ist davon nichts zu hören. Wenn er jetzt zu mehr Klimaschutz aufruft, will er offenbar die Fehler seiner Vergangenheit reinwaschen.“

5. Und niemand sagt „Heuschrecke“?
(freitag.de, Klaus Raab)
Der Finanzinvestor KKR will sich beim Axel-Springer-Verlag einklinken. Klaus Raab fragt sich, warum von Medien in diesem Zusammenhang nicht das beliebte Bild von der „Heuschrecke“ verwendet wird, und mutmaßt: „Vielleicht passt aber ein anderes Bild heute besser als „Heuschrecke“: Finanzinvestoren sind wie ein Hybrid aus den grauen Herren aus Momo und Aufräum-Coach Marie Kondo. Sie konsumieren und misten aus. Und so werden sie dann Zahlen hochhalten und Friede Springer immer wieder fragen: ‚Willst du diese Puppe?‘ Und zum klassischen Journalismusgeschäft: ‚Does it spark joy?'“

6. Knausgårds eisblaue Augen
(taz.de, Helena Werhahn)
Auf Twitter machen User und Userinnen einen Sport daraus, über Autoren zu schreiben, wie sonst Männer über Autorinnen schreiben. Das ist gleichzeitig lustig und entlarvend. Ein Beispiel gefällig? Güzin Kar fragt in einem fiktiven Intervieweinstieg den Thrillerautor Frank Schätzing: „Sie sehen blendend aus für Ihr Alter, Chapeau! Verraten Sie uns Ihre drei Must-Have-Körperpflege-Produkte, Frank Schätzing?“

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Anwalts Alpha-Liebling, Unhaltbare „Spiegel“-Story, Linnemanns Law

Mi, 08/07/2019 - 08:54

1. Kollegah und die Baulig Consulting GmbH haben …
(twitter.com/danieldrepper)
Der Rapper Kollegah und eine mit ihm zusammenarbeitende Consulting-Firma haben anscheinend „BuzzfeedNews“ und „Vice“ mit etwa einem Dutzend Abmahnungen überzogen. Anlass der teuren Anwaltsschreiben: Die Investigativrecherche über Kollegahs „Alpha Mentoring“-Programm. Daniel Drepper schreibt in einem Twitter-Thread: „Kollegah und Baulig greifen auch Medien an, die über unsere Recherche berichtet haben. Auch kleine Medien, die es nicht gewohnt sind, angegriffen zu werden. Die Schreiben sind unserer Ansicht nach haltlos, aber sie sollen offenbar der Einschüchterung dienen. Das reicht von „presserechtlichen Informationsschreiben“ bis zu konkreten Abmahnungen. Wir wollen darüber berichten und betroffenen Medien helfen: Wer solche Schreiben bekommen hat, der melde sich bitte bei mir.“

2. Was hat der „Spiegel“ zu verbergen?
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Ausgerechnet den Reporter, gegen den ernstzunehmende Fälschungs-Vorwürfe im Raum stehen, will der „Spiegel“ zum Leiter seines Investigativ-Teams machen. Anstatt die Sache transparent aufzuklären, mauert das Blatt und setzt auf Aussitzen. Stefan Niggemeier fragt: „Was hat der „Spiegel“ zu verbergen? Die ganzen Vorgänge wären zu jedem Zeitpunkt zweifelhaft gewesen, aber wie kann der „Spiegel“ auch nach dem Relotius-Skandal noch glauben, mit einer Vernebelungstaktik durchzukommen?“

3. Linnemanns Regel: Keine Interviews für Paid Content-Angebote
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
In den vergangenen Tagen stand der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Carsten Linnemann im Mittelpunkt der Kritik. Medien hatten über seine angebliche Forderung nach einem Grundschulverbot für Kinder mit schlechten deutschen Sprachkenntnissen berichtet. Eine Darstellung, die nicht sofort überprüfbar war, denn das Interview mit Linnemann stand hinter einer Anmelde- und Werbeschranke. Thomas Knüwer hat für derartige Fälle einen generellen Tipp: „Gib niemals ein Interview, das hinter einer Paid Content-Wand oder Anmeldeschranke verschwindet.“ Und er erweitert die „Linnemansche Regel“ um eine zusätzliche Option: „Wenn Du einem Medium mit Bezahlschranke ein Interview gibst, dann veröffentliche es zeitgleich selber auf Deinen Präsenzen.“

4. Rechter Terrorismus in El Paso: Warum medial immer so zimperlich?
(fr.de, Katja Thorwarth)
Viele Medien bezeichnen die Terrortat eines Rechtsextremisten in El Paso mit Worten wie „Massenmord“, „Bluttat“, „Blutbad“ oder „Schusswaffenattacke“ und vermeiden damit die sich aufdrängende politische Einordnung. In einem Kommentar für die „FR“ fragt Katja Thorwarth: „Woher kommt der zaghafte Umgang mit der terroristischen Rechten? Wird hier, vielleicht auch unbewusst, so zurückhaltend agiert, weil viele Thesen in der Gesellschaft längst verankert sind? Weil die sogenannte Mitte inklusive der sogenannten Konservativen immer nach rechts tendierte und somit inhaltlich-politisch dem rechten Terror — bezüglich seiner theoretischen Legitimation — näher steht, als die viel lieber in den Fokus gestellte Linke?“
Lesenswert auch: Margarete Stokowskis Artikel Kein Ruhm für Mörder, in dem sie an einen 50 Jahre alten Adorno-Vortrag erinnert, der nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat (spiegel.de).

5. Frau kontert bei Facebook – ist die Familientragödie erfunden?
(t-online.de, Lars Wienand)
In einem zehntausendfach geteilten Facebook-Beitrag berichtete eine Frau auf sehr emotionale Weise von einer biografischen Anekdote, wahrscheinlich um der Hetze im Zusammenhang mit dem vor den Zug gestoßenen Jungen in Frankfurt etwas entgegenzusetzen. Leider bestehen erhebliche Zweifel an der Richtigkeit der Geschichte: Die Frau habe den Beitrag mittlerweile gelöscht und verweigere jede Auskünfte dazu.

6. Song: Bild
(facebook.com/extra3)
„Extra3“ hat „Bild“ einen eigenen Song gewidmet. Aus Gründen: „Die Bild-Zeitung fragt seit Tagen, was man gegen Hetze tun kann. Wir hätten da eine Idee.“

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Quelle Internet, Plattform für Massenmörder, Medientrainings

Di, 08/06/2019 - 08:54

1. Das Problem mit der Quelle Internet
(deutschlandfunk.de, Bettina Köster, Audio: 5:20 Minuten)
In Breaking-News-Situationen muss in den Medien alles ganz schnell gehen. Problematisch kann es für Journalistinnen und Journalisten werden, wenn keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen und sich diese dann bei Twitter und Co. nach „Material“ umschauen. Den Medienhäusern würde vielfach die Verifikations-Kompetenz fehlen, so der Kommunikationswissenschaftler Florian Wintterlin im Deutschlandfunk.

2. Das Netz darf keine Plattform für Massenmörder sein
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Zum wiederholten Male nutzten Massenmörder und Terroristen die Seite „8chan“ als PR-Plattform für ihre Taten. Simon Hurtz nennt sie deshalb auch „einen der widerlichsten Orte des Internets“. Zurzeit ist die Plattform abgeschaltet, weil ein technischer Dienstleister den Vertrag auflöste. Doch von Dauer werde dies nicht sein. Außerdem seien die sich dort und woanders beteiligenden Menschen das viel größere Problem: „Der Hass in ihren Köpfen verschwindet nicht, wenn man eine ihrer Spielwiesen abmäht.“ Ein Hass, der vom amerikanischen Präsidenten höchstpersönlich geschürt werde.

3. „Die Klimaleugner sind gut organisiert“
(zeit.de, Eike Kühl)
Mehrere Jahre hat sich das Peer-Review-Verfahren einer Untersuchung hingezogen, in der der Forscher Joachim Allgaier YouTube-Suchbegriffe zum Thema Klimawandel untersucht hat. Nun sind die Ergebnisse erschienen und werden in den Medien oft verfälscht interpretiert. Im Gespräch mit „Zeit Online“ erklärt Allgeier, was er tatsächlich herausgefunden hat. Zum Beispiel, dass die Klimaleugner durchaus gut organisiert seien: „Da ist definitiv eine Expertise vorhanden, was Social-Media-Marketing angeht. Diese Leute wissen sehr wohl, wie und über welche Inhalte man die Menschen erreicht, vielleicht sogar besser, als die Scientific Community.“

4. Springers Kapital
(taz.de, Peter Weissenburger)
Peter Weissenburger fasst den derzeitigen Stand beim bevorstehenden Einstieg des US-Investors KKR beim Axel-Springer-Verlag zusammen. Sollte KKR zum Zug kommen, werde das Digitalgeschäft weiter ausgebaut, womöglich mit Folgen für das Printgeschäft. Der Betriebsrat befürchte jedenfalls einen Personalabbau in diesem Bereich.

5. Was lernen Politiker*innen in Medientrainings?
(arminwolf.at, Lena Doppel-Prix)
Im österreichischen Fernsehen hat die Zeit der „Sommergespräche“ begonnen, einer Interviewreihe des ORF mit Politikerinnen und Politikern. Armin Wolf weiß aus leidvoller Erfahrung, wie schwer diese Gesprächsform ist, wenn man als Journalist auf ein medientrainiertes Gegenüber trifft. In seinem Blog lässt er nun gewissermaßen die Gegenseite zu Wort kommen: Lena Doppel-Prix bereitet als Kommunikations- und Medientrainerin Personen aus dem Politikbetrieb auf derartige Interviews vor.

6. Wie Humor auf die Wahrnehmung politischer Nachrichten wirkt
(de.ejo-online.eu, Joachim Trebbe)
Kommunikationswissenschaftler der Uni Wien haben herausgefunden, dass politische Nachrichten in Sozialen Medien besser wahrgenommen werden, wenn in der Timeline auch lustige Videos erscheinen. Der Medienanalytiker Joachim Trebbe kommentiert: „Die Schlussfolgerung, dass lustige Katzenvideos im Internet die politische Kommunikation stärken, geht vielleicht ein bisschen zu weit — Überraschungseffekte bei Nutzern, die in erster Linie auf der Unterhaltungswelle im Netz surfen, sind aber klar erkennbar und machen Hoffnung.“

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„Bild“ als medialer Arm der AfD, Totenhausmitteilung, Head of Wichtig

Mo, 08/05/2019 - 08:54

1. „Bild“ agiert als medialer Arm der AfD
(tagesspiegel.de, Jupp Legrand)
Der „Tagesspiegel“ hat sich mit Jupp Legrand von der Otto-Brenner-Stiftung über Erfreuliches und Ärgerliches in den Medien unterhalten. Ganz besonders hat uns sein folgendes Statement gefreut: „Weil „Bild“ mal wieder eine Ausnahme von der Regel war (wie zuvor schon in der Berichterstattung über die Speisepläne zweier Kitas), braucht es weiterhin www.bildblog.de. Während die Zeitung sich unter der Schirmherrschaft von Kai D. (55) in die Mitte der Gesellschaft schrieb, agiert sie heute unter Julian R. (39) wie der mediale Arm der AfD. Wenn das Journalismus ist, falten gleichnamige Schmetterlinge auch Zitronen.“
(Wer es ähnlich wie Jupp Legrand sieht und uns bei unserer täglichen Arbeit unterstützen will, kann dies hier tun.)

2. „AfD verzerrt Bilanz zu Straftaten systematisch“
(zeit.de)
Medienwissenschaftler haben sämtliche 242 Pressemitteilungen der AfD zum Thema Kriminalität in Deutschland analysiert und mit den offiziellen Zahlen verglichen. Wenn die AfD die Nationalität von Tatverdächtigen nenne, seien es zu 95 Prozent Ausländer. Und bei den restlichen fünf Prozent werde oft damit argumentiert, dass die Tatverdächtigen einen Migrationshintergrund hätten, oder ihr Tatbeitrag werde heruntergespielt.

3. So sicher nicht
(golem.de, Moritz Tremmel & Sebastian Grüner)
Berichte über Sicherheitslücken seien oftmals problematisch, so die „Golem“-Autoren Moritz Tremmel und Sebastian Grüner, und das habe einen Grund: „Insbesondere Sicherheitsfirmen kontaktieren uns fast täglich mit Pressemeldungen und Berichten über angeblich extrem gefährliche Sicherheitslücken, welche die IT-Welt bedrohten. Bei näherem Hinsehen zeigt sich oft, dass die Berichte aufgebauscht und wichtige Details weggelassen wurden.“

4. Frauen im Teamhaus unerwünscht
(sueddeutsche.de, Elena Bruckner)
Gaming-Profis im E-Sport sind überwiegend männlich — mit allen daraus resultierenden negativen Folgen. Ende April hat sich daher eine Arbeitsgruppe „Gender Diversity im E-Sport“ gebildet, die sich für mehr Gleichberechtigung und gegen Frauenfeindlichkeit und Diskriminierung einsetzt. Elena Bruckner berichtet über die Schwierigkeiten der Gaming- und E-Sport-Szene mit der Diversität.

5. Totenhausmitteilung: @DerSPIEGEL und Marie Sophie Hingst.
(twitter.com, Patrick Bahners)
Patrick Bahners antwortet auf Twitter auf die Stellungnahme des „Spiegel“ zum Tod der Bloggerin Marie Sophie Hingst.
Weiterer Lesetipp: „Nicht jeder Journalist hat den psychologischen Blick“ (deutschlandfunkkultur.de, Katja Bigalke und Martin Böttcher). Dort sagt der Medienethiker Christian Schicha unter anderem: „Personen, die in die Öffentlichkeit treten, müssen ihr Handeln auch vor der Öffentlichkeit legitimieren und sich auch kritische Fragen gefallen lassen.“

6. «Head of Wichtig» – das steckt wirklich hinter Jobtiteln
(tagesanzeiger.ch, Holger Alich)
Holger Alich hat sich die teilweise aufgeblähten englischen Berufsbezeichnungen angeschaut (zum Beispiel „Young Professional Officer“ für Praktikant), die er wie folgt einteilt: „… die sinnvollen Titel, die es braucht, weil ein Beruf neu ist und es dafür noch keine Bezeichnung gibt. Die Angebertitel, die aus etwas Banalem etwas toll Klingendes machen, häufig durch eine englische Übersetzung. Und die kreativen Titel, mit denen ein Unternehmen zeigen will, wie es tickt.“

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Sterbende Blätter unter sich

Fr, 08/02/2019 - 16:36

Nach der „Höllen-Hitze“, die selbst Franz Josef Wagner die noch übrigen Gehirnzellen völlig durcheinanderbrachte, hat Bild.de vor ein paar Tagen den nächsten Wetter-Wahnsinn entdeckt, und zwar in Hannover:

Sie können es kaum fassen: „Laub liegt rund um den Maschsee – und das Ende Juli!“

Überall braune Blätter! „Ist denn schon Herbst?“, fragt Bild.de.

Gerade noch war‘s pottenheiß, jetzt fallen schon die Blätter von den Bäumen. Am Maschsee, in den Biergärten, Alleen, auf Gehwegen – überall raschelt‘s wie im Herbst. Spielt die Natur jetzt total verrückt?

Nö, schreibt uns unser Leser Lion:

Alle „braunen Blätter“, die gezeigt werden, sind nur verwelkte Lindenblütenblätter. Die Lindenblüte ist von Juni bis August und total normal für diese Jahreszeit. Das eingebettete Bild mit einer grünen Linde spricht ja eigentlich für sich. Baumsterben und die Klimakatastrophe sind real, aber eben nicht mit verwelkten Lindenblüten darstellbar.

Um auf Nummer sicher zu gehen, haben wir auch noch bei einem Experten nachgefragt, bei Prof. Dr. Thomas Pfannenschmidt vom Institut für Botanik der Leibniz Universität in Hannover. Er schreibt uns:

Um es kurz zu machen: Der Leser hat recht, im wesentlichen sind es verwelkte Blütenblätter, die zuhauf unter den Linden zu finden sind. Das zweite Foto des Artikels zeigt ja sehr schön, dass die Laubblätter der Bäume noch sehr grün sind. Ich will aber nicht ausschließen, dass auch Laubblätter in dem trockenen Blattwurf enthalten, dazu sind die Aufnahmen zu unscharf.

Bäume, wie alle mehrjährigen Pflanzen, können die Jahreszeit über die Tageslänge wahrnehmen. Wenn die Tage kürzer werden und dabei eine bestimmte Länge unterschreiten, dient dies als Signal für die Bäume, die Stickstoffressourcen aus den Laubblättern abzuziehen. Wir nennen das dann Herbst. Danach sind die Blätter wertlos und werden abgeworfen.

Der Artikel ist natürlich suggestiv geschrieben, ist aber auch nicht ganz falsch. In der Tat werfen viele Baumarten in ausgedehnten Trockenperioden ihre Blätter ab, insbesondere, wenn ihre Wurzeln keinen oder nur geringen Kontakt zum Grundwasser haben, wie viele Stadtbäume. Dies ist eine normale Reaktion auf lang anhaltenden Stress durch Wassermangel. Die Bäume vermeiden durch den vorzeitigen Laubabwurf die totale Austrocknung und versuchen dadurch zu überleben. Dies hat absolut nichts mit der Jahreszeit zu tun, sondern ist in der Tat eine reine Stressreaktion. Einige Arten können bei nachfolgender guter Bewässerung neue Blätter austreiben, andere nicht. Das Wachstum des Baumes wird auf jeden Fall deutlich beeinträchtigt.

Das Phänomen wird in den nächsten Jahren mit weiteren heißen Sommern mit Sicherheit weiter zu beobachten sein.

Und mit ihm mit Sicherheit auch weitere suggestive „Bild“-Artikel.

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Kita-Messerstecher, Diekmanns Brei, Flower Rain statt Shitstorm

Fr, 08/02/2019 - 08:54

1. „Ich werde sie töten, mit einem Messerstich ins Herz“
(t-online.de, Jonas Mueller-Töwe)
Dass die reißerische und manipulative Berichterstattung der „Bild“-Zeitung immer wieder dramatische Folgen hat, wird in Zusammenhang mit dem angeblichen Schweinefleisch-Verbot in Kindertagesstätten besonders deutlich. So veröffentlichte der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung eingegangene Morddrohungen gegen Kita-Leitung, Erzieherinnen und Erzieher, bei denen einem selbst als Unbeteiligtem ganz mulmig zumute wird.

2. Von wegen Einheitsbrei
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der frühere „Bild“-Chef Kai Diekmann kritisiert in einem aktuellen Interview die Medien und schwadroniert von „Einheitsbrei“ und „Mainstream-Journalismus“. Hendrik Zörner hält Diekmann entgegen: „(…) dass er selbst sein eigenes Blatt nicht mehr zur Kenntnis nimmt, ist skurril. Täte er es, so wüsste er, dass Deutschlands meistverkaufte Zeitung das schlagende Argument gegen den angeblichen Mainstream-Journalismus und medialen Einheitsbrei ist. Darin ist sein Nachnachfolger Julian Reichelt Spitzenklasse.“

3. Hat Wikipedia ein Problem mit Frauenfeindlichkeit?
(welt.de, Jochen G. Fuchs)
Werden Frauen bei Wikipedia benachteiligt? Jochen G. Fuchs fasst noch einmal die Löschdiskussion über den Phantastik-Autoren-Verband zusammen und beschäftigt sich mit den sogenannten Relevanzkriterien. „Es gibt verschiedene Probleme in der Wikipedia: Manchmal stellen die Relevanzkriterien und deren beliebige Auslegung ein Problem dar, manchmal die ausgeprägte Abneigung gegen Neumitglieder und gegen eine Öffentlichkeit außerhalb der Wikipedia. Manchmal aber ist das Problem eine generelle strukturelle Benachteiligung der Frauen und eine sowohl latente als auch offen zur Schau getragene Frauenfeindlichkeit. In den vorliegenden Fällen ist es eine Mischung aus allem.“

4. Flower Rain statt Shitstorm – Wie wir Betroffene von Hass im Netz unterstützen können
(vice.com, Alexandra Stanic)
„Vice“-Kolumnistin Alexandra Stanić geriet unlängst in einen Shitstorm, als eine rechtsextreme Plattform einen ihrer Texte aufgriff und ihre Leser zur massenhaften Hetze anstachelte. So unerfreulich sich dies für sie auswirkte, so erfreulich war, dass ihr im Netz viele Menschen beiseite standen: „Eine Welle an Solidarität hat mich in Zuckerwatte gepackt und mir geholfen, mit den Hass-Mails besser umzugehen. Der Flower Rain — das positive Pendant zum Shitstorm — war stärker als die Wut. Dieser virtuelle Blumenregen hat gut getan — und wir sollten alle daran mitarbeiten, dass es im Netz weiterregnet, und zwar nicht nur auf mich.“

5. Das bedrohte Erbe des Axel Springer
(sueddeutsche.de, Caspar Busse)
Der amerikanische Finanzinvestor KKR will den Axel-Springer-Verlag übernehmen. Was hat das für Folgen für das Medienunternehmen und seine publizistischen Ableger? Gibt es Umstrukturierungen oder droht am Ende gar die Zerschlagung des Konzerns? Caspar Busse trägt die bislang bekannten Fakten zusammen.

6. Würde er doch beim Wetter bleiben!
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek)
Jörg Kachelmann startet einen vierwöchigen Urlaub und werde nach eigenen Angaben in dieser Zeit auch nicht twittern. Für Arno Orzessek eine gute Gelegenheit den Wettergott und dessen „Twitter-Ergüsse“ gebührend zu würdigen: „Liebe Kulturpessimisten und Verächter der sozialen Medien, geben Sie es ruhig zu: Was das rhetorische Vermögen angeht, vereint der Twitterer Kachelmann den Ingrimm des ruhmreichen Kotzbrockens Arthur Schopenhauer mit dem Detailwahnsinn des Buchstabenfexes Jean Paul.“

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